Abstracts 2013/14

Die Abstracts und weitere Informationen, die uns teilweise von den Referenten zur Verfügung gestellt worden sind, sind jeweils unter den Titeln der Vorträge gesammelt.

Erforschung einer schweren seltenen Blutkrankheit (Moschkwitz-Erkrankung)

Bernhard Lämmle, Dr. med., Prof. em. für Hämatologie, Inselspital, Bern
Freitag, 23. Mai 2014, 14.15, HG Aula

 

Neue Familienformen und das Recht

Heinz Hausheer, Dr. iur., Prof. em. für Privatrecht, rw. Fakultät, Univ. Bern
Freitag, 30. Mai 2014, 14.15, HG Aula

Schwerpunkt des Referates bildet die gesellschaftliche Akzeptanz und die zunehmende Verrechtlichung des Konkubinates, wahlweise auch als nichteheliche bzw. eheähnliche Lebensgemeinschaft bezeichnet.

Allgemeines

Die nichteheliche Lebensgemeinschaft ist in der Schweiz nicht als eigenes Rechtsinstitut mit spezifischen Wirkungen anerkannt, weshalb es auch an einer ‚allgemeingültigen’ gesetz¬lichen Umschreibung des Konkubinats fehlt. Dennoch ist das nichteheliche Zusammenleben in verschiedener Hinsicht rechtlich relevant.

Unabhängig von der rechtlichen Tragweite des nichtehelichen Zusammenlebens in den einzelnen Rechtsbereichen erfordert die Begründung einer solchen Lebensgemeinschaft keinen formellen Begründungsakt: bei einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft handelt es sich um eine Lebenswirklichkeit. Sie ist heute in der Schweiz grundsätzlich ohne Einschränkung zulässig, wird sie doch inzwischen als eine verfassungsrechtlich anerkannte Lebensform geschützt. Dass dies lange Zeit – in Übereinstimmung mit den herrschenden religiösen Anschauungen – keine Selbstverständlichkeit war, lässt sich etwa daran erkennen, dass die letzte kantonale Strafnorm zur Bestrafung des Konkubinats erst 1995 aufgehoben wurde. Die strafrechtlichen Sanktionen sollten die Exklusivität der Ehe als Versorgungsgemeinschaft und mit allfälligem nachehelichem Scheidungsunterhalt schützen.

Gleichgeschlechtliche Paare fallen nicht unter den Begriff des Konkubinats. Die in Lehre und Rechtsprechung für das Konkubinat als massgeblich erachteten Grundsätze lassen sich aber in weiten Teilen auch auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften übertragen. In vielerlei Hinsicht werden Lebenspartner ohnehin wie Al¬leinstehende behandelt, sodass insofern das Geschlecht der Part¬ner weitest¬gehend ohne Bedeutung ist. Anders verhält es sich, wenn eine eingetragene Partnerschaft vorliegt. Sie wird seit dem 1.1. 2007 durch ein eigenständiges Gesetz in Anlehnung an die Ehe geregelt.

Unterschiede zur Ehe

Die wichtigsten Unterschiede zur Ehe bestehen

  • in der formlosen Begründung,
  • in der Freiheit der inhaltlichen Gestaltung des Konkubinats sowie
  • in einer jederzeitigen formlosen Auflösbarkeit bzw. im fehlenden Rechtsschutz der allfälligen Erwartung in den Bestand der Beziehung.
  • Zudem ergeben sich unterschiedliche Wirkungen in Bezug auf Kinder, die aus einer Ehe bzw. einer eheähnlichen Lebensgemeinschaft hervorgehen. Ein Kind nicht verheirateter Eltern untersteht an sich ausschliesslich der elterlichen Sorge der Mutter, selbst wenn diese mit dem Vater des Kindes zusammenlebt. Allerdings sollte auch bei unverheirateten Eltern die gemeinsame elterliche Sorge zur Regel werden. Diese bedarf indessen entweder einer gemeinsamen Erklärung der Eltern oder eines Entscheids der Kindesschutzbehörden.
  • Schliesslich unterliegen die Konkubinatspartner weder den Bestimmungen über die Wirkungen und Auflösung der Ehe noch jenen über das Güterrecht.

Erscheinungsformen und gesellschaftliche Bedeutung

Erscheinungsform und Intensität der Lebensgemeinschaft können sehr unterschiedlich sein. Die gesellschaftliche Bedeutung dieser unterschiedlich gelebten Konkubinate ist mit dem Wegfallen der gesellschaftlichen Missbilligung innert kurzer Zeit sehr gross geworden. Die Zahl der sogenannten Konsensualpaar-Haushalte hat sich zwischen 1980 und 2011 mehr als vervierfacht und ist auf über 290'000 angewachsen (gegenüber rund 1,75 Mio Ehen). Zurückzuführen ist dies wohl auf eine grössere wirtschaftliche Freiheit, grössere gesellschaftliche Akzeptanz, bessere Kontrolle der Fortpflanzung und einen schwindenden religiösen Einfluss, wobei diesbezüglich schwer zu beurteilen ist, welche Veränderungen als Ursache und welche als Wirkung zu betrachten sind.

Zu den Rechtsquellen (Rechtsgeschäft und Richterrecht) und zur rechtlichen Behandlung von Einzelaspekten der eheähnlichen Lebensgemeinschaft

Näher einzugehen und mit der Regelung in der Ehe bzw. im Rahmen der eingetragenen Partnerschaft ist einzugehen auf die Stichworte

  • Kinder
  • Familiennamen
  • Elterliche Sorge
  • Wohnungsmiete
  • Eigentumsverhältnisse
  • Vermögensrechtliche Folgen der Trennung
  • Arbeitsleistungen
  • Unterhalt
  • Sozialversicherungsrecht
  • Gesundheitsrecht
  • Steuerrecht
  • Erbrecht

Gesetzesvorhaben

Die Balkanstaaten im Ersten Weltkrieg

PD Dr. Carl Alexander Krethlow, Historisches Institut, phil hist Fakultät, Univ. Bern
Freitag, 16. Mai 2014, 14.15, HG Aula

Das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914, das Wiener Ultimatum an Serbien vom 23. Juli und die am 25. Juli folgende Kriegserklärung Österreich-Ungarns an das Königreich Serbien stellen die unmittelbaren Ursachen für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges dar. Für die Bevölkerung der Balkanstaaten stellte er indes in mancherlei Hinsicht nur die Fortführung eines seit Jahren anhaltenden Kriegszustandes dar. Insbesondere die beiden mit grosser Brutalität geführten Balkankriege der Jahre 1912 und 1913 führten neben territorialen und politischen Verschiebungen zu einer demographischen Katastrophe sowie einem zusätzlich gesteigerten Nationalismus, der sich in anhaltenden Grenzverletzungen und Übergriffen bewaffneter Banden auf die Zivilbevölkerung manifestierte.

Der Balkan stellte während des Ersten Weltkrieges einen Nebenkriegsschauplatz dar, der von den beiden Bündnissen dazu verwendet wurde, möglichst viele gegnerische Kräfte zu binden. In dieser Vorlesung sollen die Ereignisse aus einer vornehmlich operationsgeschichtlichen Perspektive moderner Militärgeschichte dargestellt werden. So lassen sich die vom 29. Juli 1914 bis in den November 1918 andauernden Kampfhandlungen in fünf Phasen unterteilen: die vier Offensiven der Mittelmächte gegen Serbien (1914-1915), die Unternehmungen in Mazedonien, Montenegro und Albanien (1915-1916), den Feldzug in Rumänien (1916), die Operationen an der Mazedonienfront (1916-1917) sowie die Operationen der Schlussphase (1917-1918).

Die Bilanz des Ersten Weltkrieges im Balkan ist erschreckend. Neben gewaltigen menschlichen Verlusten durch Kämpfe, Epidemien und Mangelerscheinungen – in Serbien starben rund 10 % der Bevölkerung an den Kriegsfolgen – standen zum Teil rigide Okkupationsregime, die immer wieder zu blutigen Aufständen führten. Aufstände, die wiederum mittels schweren Repressalien niedergeschlagen wurden. Ganze Landstriche, insbesondere Serbiens und Rumäniens, waren weitgehend verwüstet worden. Viel stärker als in den Ländern Westeuropas hatte dabei in den Balkanstaaten auch die Zivilbevölkerung unmittelbares Leid zu tragen, für die 1918 ein seit 1912 nur stellenweise unterbrochenes Ringen ein Ende fand.

Fortschreitende Säkularisierung oder
 Wiederkehr des Religiösen? Aktuelle Trends zur Lage der Religion in der Schweiz

Stefan Huber, Dr. phil., Prof. für Empirische Religionsforschung und Theorie der interreligiösen Kommunikation, Theologische Fakultät, Universität Bern
Freitag, 9. Mai 2014, 14.15, HG Aula

Nach der Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts war die religiöse Landschaft in der Schweiz für 450 Jahre relativ stabil. Für Religion war ein „Duopol“ von reformierten und katholischen Landeskirchen zuständig. Seit etwa 50 Jahren löst sich diese Struktur mehr und mehr auf. Die Landeskirchen verlieren an Einfluss, neue religiöse Akteure treten auf und ein wachsender Anteil der Bevölkerung scheint ohne Religion auszukommen. In religiöser Hinsicht werden die Karten gewissermassen neu gemischt. Doch in welche Richtung geht dieser Prozess?

Im Vortrag gehe ich der Frage nach, wie der religiöse Strukturwandel in grundlegenden Dimensionen der Religiosität zum Ausdruck kommt und welche Zukunftsszenarien möglich sind. Dazu gehe ich zunächst auf theoretische Konzepte des religiösen Wandels ein (Säkularisierungsthese, Individualisierungsthese, Marktmodell). Darauf aufbauend diskutiere ich den Strukturwandel auf der Basis der Daten repräsentativer Bevölkerungsumfragen.

Zielgruppenspezifik im Seniorensport (Beweggründe zum Sporttreiben von Senioren, Passung von Beweggründen und Aktivität)

Achim Conzelmann, Dr. phil. hist., Prof. für  Sportwissenschaft, phil. hum. Fakultät, Univ. Bern
Freitag, 2. Mai 2014, 14.15, HG Aula

Es ist mittlerweile unbestritten, dass Bewegung und Sport eine positive Wirkung auf die körperliche und geistige Fitness sowie auf das Wohlbefinden im Alter haben. Aufgrund der Vielfalt der heutzutage angebotenen Sport- und Bewegungsaktivitäten einerseits und der Unterschiedlichkeit der individuellen Voraussetzungen und Ziele älterer Menschen andererseits, stellt sich allerdings die Frage, welche Bewegungs- und Sportaktivitäten für den Einzelnen am besten geeignet sind, um die angestrebten Ziele zu erreichen?

Nach einigen grundlegenden Überlegungen zu den positiven Wirkungen von Bewegung und Sport, wird die Frage, "welche Bewegungs- und Sportaktivitäten passen zu mir?" diskutiert. Dabei wird sich zeigen, dass es sehr unterschiedliche Motivtypen, die sich durch jeweils unterschiedliche Beweggründe und Zielvorstellungen, die sie mit Bewegungs- und Sportaktivitäten in Verbindung bringen, auszeichnen. Hierauf ist dann mit passenden Bewegungs- und Sportangeboten zu reagieren.

Schlaf-Wach-Störungen haben soziale Dimensionen

Prof. Dr. Johannes Mathis, Schlaf-Wach-Zentrum des Inselspitals
Freitag, 21. April 2014, 14.15, HG Aula

Schlaf ist ein ganz grundsätzliches Bedürfnis der meisten Lebewesen, vergleichbar mit Hunger und Durst und Schläfrigkeit kann physiologischerweise einzig durch Schlaf gestillt werden.

Über Schlaf-Wach-Störungen – vom sozial störenden schnarchen über den gestörten Nachtschlaf bis hin zur Tagesschläfrigkeit - beklagten sich in einer grossangelegten Befragung in den USA (N = 1010) über 70% der Normalbevölkerung. Die häufigsten Klagen betreffen Ein- und Durchschlafstörungen (58%), schnarchen (37%), unruhige Beine (16%) und nächtliche Atempausen (9%). Mindestens 10% der Befragten nehmen jede Nacht ein Schlafmittel ein und ca. 6% benützen Aufputschmittel. Schlaf-Wach-Störungen gelten in der Schweiz nach Kopfschmerzen und Depressionen als dritthäufigste neuropsychiatrische Krankheit und deren Kosten sind vergleichbar mit den Kosten von Schlaganfällen.

Eine Schlafdauer von 7 Stunden gilt als durchschnittlich normal. Sowohl eine längere wie auch eine kürzere Schlafdauer gehen mit einer leicht kürzeren Lebenserwartung einher. Dabei ist es aber auch möglich, dass kranke Menschen, welche wegen ihrer Krankheit eine kürzere Lebenserwartung ausweisen, durchschnittlich entweder weniger lang oder länger schlafen als Gesunde. Die durchschnittliche Schlafdauer hat im letzten Jahrhundert aus sozialen Gründen um fast 2 Stunden abgenommen. Nach einer neuen Hypothese wird nun vermutet, dass eine kürzere Schlafdauer zu Übergewicht und zu einer ungünstigen Stoffwechsellage (Zuckerkrankheit) führen könnte, was sich auch wieder negativ auf die Gesundheitskosten auswirkt.

Die Narkolepsie und andere Krankheiten mit Tagesschläfrigkeit beginnen bereits im jungen Erwachsenenalter, dann wenn die Betroffenen mitten in ihrer Ausbildung oder in der Lehre stecken und mit einem derartigen Handicap kaum umgehen können. Die korrekte Diagnose wird oft verzögert, weil der Patient gar nicht zum Arzt geht oder weil die Ärzte die seltenen Krankheitsformen nicht erkennen. Dies führt zu sozialer Isolation und Abnahme der Leistungsfähigkeit bereits 10 Jahre vor der Diagnosestellung. Die Schweinegrippeimpfung im Jahr 2009 hat zu einer markanten Zunahme von Narkolepsiefällen geführt, was in gewissen Staaten sogar zu hohen Schmerzensgeldzahlungen an die Betroffenen geführt hat. Das Schlafapnoe Syndrom betrifft ca. 4% der Männer und 2% der Frauen und führt nicht nur zu Konzentrationsstörungen tagsüber sondern langfristig auch zu hohem Blutdruck und schwerwiegenden Herzkreislaufkrankheiten.

Über 50% der befragten Amerikaner haben eingeräumt, trotz Schläfrigkeit autogefahren zu sein, ca. 25% berichteten über einen Sekundenschlaf beim Autofahren und 1% sogar über einen Unfall wegen Sekundenschlaf. In der Schweiz und in anderen industrialisierten Staaten vermutet man, dass bis zu 30% aller Verkehrsunfälle durch den Sekundenschlaf am Steuer passiert sind. Die häufigste Ursache ist das ganz banale Schlafmanko bei sonst gesunden Fahrzeuglenkern. Eine Vergleichsstudie hat gezeigt, dass die Reaktionsfähigkeit nach 24 Stunden ohne Schlaf ähnlich verlangsamt wird wie bei mit einem Blutalkoholwert von 0.5 Promille.

Die Patientenverfügung und der Vorsorgeauftrag

Stephanie Hrubesch-Millauer, Dr. iur., Prof. für Privatrecht, rw. Fakultät, Univ. Bern
Freitag, 4. April 2014, 14.15, HG Aula

Im Fokus des Erwachsenenschutzrechts stehen die Schutzbedürftigkeit schwächerer Personen, die Ausgleichung gewisser Schwächezustände und die Gewährleistung deren Wohls. Das Konzept der erwachsenenschutzrechtlichen Massnahmen unterscheidet zwischen nicht behördlichen Massnahmen (insb. Vorsorgeauftrag und Patientenverfügung) und behördlichen Massnahmen (verschiedene Beistandschaften und fürsorgerische Unterbringung) im Einzelfall.

Vorsorgeauftrag und Patientenverfügung erlauben einer Person, in den gesunden und vitalen Tagen selbständig Vorkehrungen für einen späteren Lebensabschnitt zu treffen, in dem sie möglicherweise urteilsunfähig sein wird.

Mit einem Vorsorgeauftrag kann eine handlungsfähige Person jemanden damit beauftragen, im Fall ihrer Urteilsunfähigkeit für sie zu sorgen. Dabei hat sie den Aufgabenbereich zu umschreiben und kann Weisungen für die Erfüllung der Aufgaben erteilen.

Die Patientenverfügung ermöglicht der betroffenen Person im Voraus festzulegen, welchen allfälligen medizinischen Massnahmen sie im Fall ihrer Urteilsunfähigkeit zustimmt oder nicht zustimmt. Auch kann sie eine Person bestimmen, welche mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt die medizinischen Massnahmen besprechen und in ihrem Namen entscheiden soll.

Die Kunst des Übens – Lektionen aus der Neurologie zu Musik und Sprache

Jürg Kesselring, Prof. Dr.med., Klinik Valens und Centre of Neuroscience, Zürich
Freitag, 28. März 2014, 14.15 HG Aula

"Use it or lose it" - nütze es, oder es geht verloren: dies gilt für unser Gehirn ganz besonders. Immerfort werden in ihm neue Verbindungen zwischen den ca. 100 Milliarden Nervenzellen geknüpft - aber nur diejenigen bleiben bestehen, die auch aktiv benutzt werden. Dies ist die Grundlage des Lernens - die Auseinandersetzung mit der Umwelt in den Problemlösungen des Alltags. Und dies ist zeitlebens möglich. In den letzten Jahren ist die Erforschung der Neuroplastizität, d.h. der Anpassung der Hirnstrukturen und -funktionen an die veränderten Anforderungen aus der Umwelt zu einem zentralen Thema der Neurowissenschaften geworden. In der Neurorehabilitaion, der Behandlung von Patientinnen mit akuten oder chronischen Hirnerkrankungen werden Erkenntnisse daraus und solche Prinzipien des Lernens im praktischen Alltag umgesetzt. Aus der Beobachtung der in den Therapien erreichten Veränderungen können aber auch wieder neue Einsichten in die Grundlagen des Lernens gewonnen werden. Hand und Hirn des Menschen haben sich über Jahrmillionen entwickelt in wechselseitiger Beeinflussung vor allem durch den Gebrauch von Werkzeugen bzw. Instrumenten. Die menschliche Hand zeigt einerseits die höchste Differenzierung möglicher Bewegungen anderseits den ursprünglichsten Organisationstypus des fünfstrahligen Extremitätenendes. Kleine Veränderungen am Handskelett in der Entwicklung erlaubten „plötzlich“ neue Anwendungen von Werkzeugen bis zur höchsten Stufe beim Spielen eines Musikinstrumentes oder beim Jonglieren mit Gegenständen. Besonders wichtig für die Entwicklung des Werkzeuggebrauchs ist die Führung des Daumens über die Mittellinie zum Kleinfinger (Opposition) und die Abweichung der Hand zur Ellenseite hin (Ulnarabweichung): diese Bewegungen, die im Tierreich nicht möglich sind, erlauben ganz neue Bewegungsmuster.

Das motorische System ist ein komplexes Netzwerk aus Zentren und Bahnsystemen im Rückenmarks und Gehirn. Planung, Ausführung und Korrektur von Bewegungsabläufen sind nur im Zusammenspiel mit sensorischen Systemen (visuelles System, Körperwahrnehmung) möglich. Diese Systeme entwickeln sich über Jahre, wobei bis im frühen Schulalter ein motorisches Basisinstrumentarium mit den wichtigsten Verschaltungen gebildet wird. Im Verlaufe des Lebens müssen diese Systeme immer wieder an veränderte Bedingungen angepasst werden. Beim Erlernen von motorischen Fertigkeiten kommt es zu einer Neuverschaltung bzw. Aktivierung von Neuronenverbindungen. Diese morphologischen und funktionellen Veränderungen lassen sich z.T. mit modernen Untersuchungsmethoden (funktionelle MRT, PET, motorisch-evozierte Potentiale) darstellen. Aufgrund der Plastizität des Gehirnes können in Abhängigkeit der genetisch determinierten bzw. im frühen Kindesalter erworbenen motorischen Fähigkeiten durch entsprechendes Training bis ins hohe Lebensalter neue Fertigkeiten erlernt werden. Für den Lerneffekt von entscheidender Bedeutung ist die Motivation, die Bedeutung der motorischen Aufgabe für die Ausführenden, die Anzahl der Wiederholungen mit ein-geschalteten Pausen sowie die Variabilität der Trainingsbedingungen. Durch eine Anpassung der Lern- bzw. Therapiebedingungen an individuelle Gegebenheiten unter Berücksichtigung dieser Faktoren kann der Lerneffekt optimiert werden.

Kopftuch, Glockengeläut und Räucherstäbchen: Religion im öffentlichen Raum

David Plüss, Dr. theol., Prof. für praktische Theologie, theol. Fakultät, Univ. Bern
Freitag, 21. März 2014, 14.15, HG Aula

Die Aufmerksamkeit für die Sichtbarkeit von Religion ist neueren Datums. Dies hat sowohl mit einem bestimmten Verständnis von Säkularisierung als auch mit dem Auftreten des Islams zu tun. Anhand des Glockengeläuts, des Kopftuchs und des religiösen Marktes wird verdeutlicht, dass und in welcher Weise Religion noch immer oder wieder neu sicht- und hörbar präsent ist im öffentlichen Raum und dass diese alt-neue Sichtbarkeit von Religion sowohl der präzisen wissenschaftlichen Analyse als auch der politischen Gestaltung bedarf.

Die Zukunft der Wissensgesellschaft: Kognitives Training und Transfer in den Alltag

Fred Mast, Dr. phil. hist., Prof. für kognitive Psychologie, phil. hum. Fakultät, Univ. Bern
Freitag, 14. März 2014, 14.15, HG Aula

Wissen zerfällt in einer sich rasch entwickelnden Wissensgesellschaft immer schneller und zugleich ist die mittlere Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten massiv angestiegen. Dies führt dazu, dass man in einem längeren Leben sein Wissen ständig auf den neuen Stand bringen muss. Dazu werden kognitive Ressourcen benötigt, deren Förderung und Training wenig erforscht sind. Zwar gibt es Grundlagenforschung zu diesem Thema, aber der Transfer in den Alltag war bislang nicht sehr ergiebig. Wissenschaftlich hat es sich schwierig erwiesen, die Bedingungen eines Transfers in den Alltag zu bestimmen. Ziel ist, nicht nur eine Verbesserung in den jeweils trainierten Aufgaben zu erzielen (spezifisches Lernen), sondern eben auch in untrainierten Aufgaben (Generalisierung). Kognitives Training soll einerseits den Fähigkeiten des Individuums angepasst sein und andererseits sollen sich die Folgen gesellschaftlich und volkswirtschaftlich auswirken. In den medizinischen Wissenschaften haben bahnbrechende Innovationen die Lebensqualität nachhaltig verbessert. Eine ähnliche Entwicklung hat in den kognitiven Wissenschaften noch nicht stattgefunden. In diesem Vortrag werden neue Forschungsergebnisse und verschiedene Methoden zum kognitiven Training vorgestellt und diskutiert.

Paradontitis – richtig erkennen und behandeln

Christoph Ramseier, Dr. med. dent. OA, Klinik für Paradontologie, ZMK, Univ. Bern
Freitag, 7. März 2014, 14.15, HG Aula

Blutendes Zahnfleisch und wackelige Zähne sind die Anzeichen der Parodontitis, einer Entzündung des Zahnhalteapparates. Mehr als die Hälfte der Erwachsenen leidet im Laufe des Lebens daran. Die Erkrankung kommt oft schleichend und schmerzt kaum. Bei ungenügender Zahnpflege sammeln sich Bakterien am Zahn zu Zahnbelag. Wird dieser nicht entfernt, verhärtet er sich zu Zahnstein und vermehrt sich dann entlang der Zahnwurzel immer tiefer in den Zahnhalteapparat hinein: der Knochen um die Zähne bildet sich zurück. Im schlimmsten Fall verlieren die Zähne so ihren Halt und müssen deswegen gezogen werden.

Hat sich die Parodontitis einmal etabliert, wird der Verlauf dieser Erkrankung auch durch die genetische Veranlagung beeinflusst. Weiter haben Allgemeinerkrankungen, wie der Diabetes Mellitus oder das Zigarettenrauchen ebenfalls einen krankmachenden Einfluss auf das Zahnfleisch und den darunter gelegenen Knochen.

Eine aufwändigere Parodontitistherapie dauert oft mehr als ein Jahr. Betroffene brauchen das Verständnis, wie diese Therapien zusammengesetzt sind und welche Ziele damit erreicht werden können. Im Vortrag wird anschaulich erklärt,  wie sich die Zusammenhänge dieser Erkrankung, z.B. mit der Allgemeingesundheit, darstellen, welche Ziele mit einer Parodontitistherapie erreicht werden können und welcher Aufwand dazu notwendig ist, die eigenen Zähne solange wie möglich erhalten zu können.

Können Gruppen moralische Verantwortung tragen?

Claus Beisbart, Dr. phil. hist. et phil. nat., Prof. für Philosophie, phil. hist. Fakultät, Univ. Bern
Freitag, 28. Februar 2014, 14.15, HG Aula

Unsere moderne Welt wird immer stärker durch das Wirken von Gruppen und Organisationen geprägt. Unternehmen, NGOs, aber auch sich spontan bildende Vereinigungen von Menschen können Macht gewinnen, wie sie einzelne Menschen nie erlangen können. Was aber ist, wenn ein Unternehmen die Umwelt verschmutzt, wenn eine NGO Fehlentscheidungen fällt, wenn ein Trupp von Hooligans gewalttätig wird? Wem kann dann die Verantwortung für die Schäden zugewiesen werden? Oft ist es in solchen Fällen schwierig zu bestimmen, in welchem Ausmass einzelne Menschen für die Schäden mit verantwortlich sind. Das hat in der Philosophie zu dem Vorschlag geführt, dass nicht nur einzelne Menschen, sondern auch Gruppen und Organisationen Träger moralischer Verantwortung sein können. Die entscheidende Idee lautet also, dass etwa ein Verein als solcher Verantwortung für ein Problem tragen kann, und zwar unabhängig davon, ob seine Mitglieder individuell dafür mit verantwortlich sind. Aber ist dieser Vorschlag sinnvoll? Setzt Verantwortung nicht voraus, dass ihr Träger Vernunft und einen eigenen Willen besitzt und damit über Fähigkeiten verfügt, die wir Unternehmen oder Gruppen nicht eigentlich zuschreiben können? Oder lassen sich umgekehrt wichtige Probleme der Gegenwart nur lösen, wenn wir den Kreis der moralischen Verantwortungssubjekte weiter ziehen? Der Vortrag diskutiert diese Frage auf der Basis der zeitgenössischen praktischen Philosophie.

Ein Altersbild für das 21. Jahrhundert

Norbert Herschkowitz/Ruth Meyer Schweizer, Dr. med./Dr. phil. hist., Proff.em.med./WiSo Fakultät, Univ. Bern
Freitag, 21. Februar 2014, 14.15, HG Aula

Ein Altersbild für das 21. Jahrhundert  - aus der Perspektive der Sozialwissenschaftlerin (Ruth Meyer Schweizer)

Bilder, die wir uns von der Realität konstruieren, leiten unsere Wahrnehmung und unser Handeln. In einer Zeit raschen Wandels laufen Bilder und Realitäten aber Gefahr auseinander zu driften, so auch bei  den noch verbreiteten Altersbildern. Langlebigkeit und dies bei langer guter Lebensqualität und Leistungsfähigkeit durch lebenslanges Lernen ist heute eine Tatsache, wenn auch der Anteil der älteren Bevölkerung häufig überschätzt wird. Gleichzeitig aber gilt verbreitet nach wie vor: jung = dynamisch, und Alter wird immer noch mit Schwäche und Ruhebedürftigkeit assoziiert. Anti-aging hat Hochkonjunktur. Man spricht angstvoll von Überalterung, und die ältere Bevölkerung  wird in vielerlei Hinsicht auch strukturell marginalisiert.  Übersehen wird dabei, dass grosse Teile der heute Älteren bereits die Chancen der neuen Lebensphase Alter erkannt, individuell eine neue Sinngebung und Verantwortung in dieser gefunden haben und wichtige gesellschaftliche Beiträge leisten durch neue Aktivitäten, aber auch durch ihre bewusste Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens. Es könnten noch mehr sein, dazu aber bedarf es des gründlichen öffentlichen Umdenkens und des Mutes, die nötigen strukturellen Konsequenzen zu ziehen.

 

Ein Altersbild für das 21. Jahrhundert: Beitrag der Neurowissenschaften (Norbert Herschkowitz)

Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft können helfen, Vorurteile über das Alter abzubauen und das Alter als natürlichen Teil der menschlichen Entwicklung zu verstehen. Weil diese durch das lebenslange Zusammenwirken von Vererbung und Umwelt stattfindet, ist jeder Mensch mit seiner individuellen Genetik und seinen individuellen Lebenserfahrungen einmalig. Auch der Vorgang des Alterns ist ein individueller Prozess.

Die Neurowissenschaft unterscheidet zwischen gesundes Altern und krankhaftes Altern (z.B, Demenz). Das gesunde Gehirn bleibt auch im hohen Alter leistungsfähig. Dank der Plastizität (Formbarkeit) des Gehirns können altersbedingte Einbussen zum Teil kompensiert werden und der Mensch sein Leben lang lernen.

Das Altersbild ist ein "Leitbild", das einen Einfluss auf persönliche Lebensziele wie auch auf das Zusammenleben verschiedener Generationen und auf die entsprechenden sozialen Einrichtungen hat. Weil das Altern kein einheitlicher Vorgang ist, muss es  ein differenziertes Altersbild sein, das Erkenntnisse aus der Psychologie, Soziologie, Medizin und Neurobiologie umfasst.

Konzert zum Jahresabschluss

Freitag, 20. Dezember 2013, 14.15, HG Aula

 

Joseph Haydn (1737 - 1809)

Streichquartett in Es-Dur, Op. 1 Nr. 0 (1762)
  Presto
  Menuet
  Adagio
  Menuet
  Finale. Presto

Wofgang Amadeus Mozart (1756 - 1791)

Streichquartett in G-Dur, K. 156 (1772)
  Presto
  Adagio
  Tempo di minuetto

Streichquartett in B-Dur, K. 159 (1773)
  Andante
  Allegro
  Rondo

*****

Joseph Haydn (1737 - 1809)

Streichquartett in g-Moll, Op.20 Nr. 3 (1772)
  Allegro con Spirito
  Minuetto. Allegretto
  Poco Adagio
  Finale. Allegro Molto


Astor Piazzolla (1921 - 1992)

- Oblivion (1982)
- Libertango (1974)


Carlos Gardel (1890 – 1935)

- Por una cabeza (1935)

 

Quartett der Hochschule der Künste Bern

Das Streichquartett “Quartett der Hochschule der Künste Bern” wurde vor anderthalb Jahren als Streichtrio gegründet. Aus diesem Trio entstand kurze Zeit später das heute bestehende Quartett mit Maiken Jauch, Clarice Curradi, Michele M. Costantini, und Rene Camacaro. Die vier Musiker stammen aus verschiedenen Teilen Europas und fanden sich an der Hochschule der Künste zum Quartett zusammen. Sie hatten Quartettunterricht an der Hochschule u.a. bei Louise Hopkins und spielten Konzerte in der Schweiz, Deutschland und in Italien. Das Repertoire des Quartetts reicht von Barockmusik über Romantik, bis hin zum Tango.

Maiken Jauch, Violine, geboren 1989 in Hannover, Deutschland, begann ihr Studium bei Prof. Eckhard Fischer an der Hochschule für Musik Detmold. Zur Zeit studiert sie an der Hochschule der Künste Bern in der Klasse von Prof. Barbara Doll Master Performance. Maiken Jauch sammelte zahlreiche Orchestererfahrungen unter anderem als Stimmführerin des Detmolder Kammerorchesters unter der Leitung von Prof. Alfredo Perl und der Barockakademie unter Prof. Gerhard Weinberger. Schon früh konzertierte sie auch als Solistin mit verschieden Orchestern. 2009 spielte Maiken Jauch ihr Debüt mit dem „Westfalen Festivalorchester“.
Zahlreiche Kammermusik- und Orchestertourneen führten Maiken Jauch durch die ganze Welt. Ebenso verschiede Meisterkurse, wie u.a. bei Prof. Roman Nodel, Prof. Arnold Steinhard, Prof. Anke Dill, Benjamin Schmidt, Prof. Daniel Gaede und Prof. Igor Ozim.

Clarice Curradi, Violine, geboren 1988 in Florenz, Italien, studierte mit A. Bologni, L. Borrani, F. Cusano in Italien und ist zur Zeit in der Klasse von Prof. Barbara Doll in Bern. Sie besuchte Meisterkurse als Solistin und Kammermusikerin u.a. bei Dimitry Berlinsky, Giuliano Carmignola, Rainer Kussmaul, Friedemann Eichhorn, Christian Altemburger, Benjamin Schmid, Trio Altemberg, Trio di Parma, Bruno Canino. Zwischen den Jahren 2009-2013 gewann sie zahlreiche Wettbewerbe und Stipendien als Solistin und Kammermusikerin. Sie spielte in vielen Orchestern wie z. B. „Pomeriggi Musicali“ und „Orchestra Verdi“ in Milano und „Mahler Jugend Academie Bozen“. 2008 gewann sie einen Probespiel in der „Accademia Orchestra Mozart“ in Bologna als Konzertmeisterin. Seit Februar 2011 spielt sie im „Orchestra Mozart“ unter der Leitung von u.a. Claudio Abbado, Bernard Haitink, Diego Matheuz und konzentiert in den grossen Konzertsälen der Welt.

Michele Maria Costantini, Viola, geboren 1988 in Bologna, Italien, begann sein Studium bei Prof. Antonello Farulli und studiert zur Zeit an der Hochschule der Künste Bern Master Performance bei Prof. Patrick Jüdt. Er nahm an vielen Meisterkursen mit u.a. Hatto Beyerle, Danilo Rossi, Jörg Winkler, Danusha Waskiewicz und Veronika Hagen teil. Michele Costantini ist Solo-Bratschist der Orchester-Akademie des von Claudio Abbado gegründeten und geleiteten „Orchestra Mozart“. Als Solist spielte er u.a. mit „Accademia Filarmonica“ di Bologna und „Ensamble Concordanze“. Er sammelte auch zahlreiche Orchester- und Kammermusikerfahrungen im “Filarmonica del Teatro Comunale di Bologna”, “Klangforum Schweiz”, “Orchestra Sinfonica della Valle d’Aosta”, “Orchestra Giovanile Italiana”.

René Camacaro, Cello, geboren 1989 in Madrid, Spanien, begann seine musikalische Ausbildung im Alter von acht Jahren bei Jose Miguel Gómez, dem Cellist des Arbos Trios. Er schloss erfolgreich den “Grado Medio” mit einem Solo-Auftritt des Josephs Haydn C-dur Cello Konzert mit dem Orchester der “Musikhochschule Joaquín Turina”. Im selben Jahr führten ihn Studien an die „Guildhall School of Music and Drama“ in London bei Louise Hopkins. Er tritt regelmäßig in Madrid und in renommierten Konzertsaale wie “400 von Reina Sofia” sowie die “Fundación Juan March” auf. Ebenso spielte er für Radio Clásica.
Im April 2011 bekam er der Preis Martin Musical Trust. Wichtige Impulse erhielt er in Meisterkurse bei James Boyd, Alexander Baillie, Susan Tomes, Isabel Charisius, Miriam Fried, Aldo Mata. Seit 2011 ist er Student an der Hochschule der Künste Bern bei von Antonio Meneses.

Ist Weihnachten politisch? Zur Rolle der Theologie im säkularen Staat

Torsten Meireis, Dr. theol., Prof. für Ethik, Universität Bern
Dienstag, 17. Dezember 2013, 16.15, ExWi

Die Frage, ob Theologie im säkularen Staat überhaupt eine Rolle spielen könne oder gar solle, mag im ersten Moment ähnlich absurd klingen wie diejenige, ob Weihnachten politisch sei. Ein genauerer Blick jedoch zeigt, dass die Dinge so einfach nicht liegen.

Der Vortrag untersucht Chancen und Probleme, Bedingungen und Grenzen im Verhältnis von Religion und Politik und votiert im Interesse von Religionsgemeinschaften und Staat gleichermassen für eine öffentliche Theologie, die religiöse und weltanschaulich Fragen im Kontext der Zivilgesellschaft ohne Zwang zu erörtern erlaubt und damit der Beteiligung und Prüfung durch die Öffentlichkeit vorlegt.

Sterblichkeit in der Schweiz: Soziogeographische Analysen

Matthias Egger, Dr. med., Prof. für Sozial- und Präventivmedizin, Univ. Bern
Freitag, 13. Dezember 2013, 14.15, HG Aula

In diesem Vortrag werde ich kurz das Institut für Sozial- und Präventivmedizin und seine Tätigkeitsfelder vorstellen. Ich werde dann die Konzepte der Sterblichkeit und Lebenserwartung diskutieren und die Swiss National Cohort (SNC), eine Studie der gesamten Schweizer Bevölkerung einführen. Darauf werde ich Resultate von soziogeographischen Analysen dieser Studie zu Sterblichkeit und Lebenserwartung in der Schweiz anhand von kolorierten Karten und Tabellen vorstellen, u.a. unter Verwendung von Daten zur sozio-ökonomischen Position von verschiedenen Wohngegenden, Angaben zum Stockwerk der Wohnung, und Daten zum Geschlecht,  Bildung, Zivilstand, Religion und Nationalität. Ich werde sowohl Resultate zur Sterblichkeit insgesamt, und zu ausgewählten Ursachen, z.B. Suizid und assistierter Suizid vorstellen.

Lötschers Zeit – unsere Zeit. Grenzübergänge in Hugo Lötschers erstem und in seinem letzten Roman (1964/2009)

Ernst Waldemar Weber, pens. Sekundarlehrer, Sänger und Publizist, Muri/Bern
Mittwoch, 10. Dezember 2014, 14.15-16 Uhr, HG Raum 120

Prof. Dr. Peter Rusterholz, Universität Bern: "So viel sah ich ein, dass die Wahrheit immer umfassender ist, als was im  Augenblick jeweils als Wahrheit gilt ..."

Hugo Loetscher (1927 – 2009) ist einer der bedeutendsten Autoren aus der Schweiz nach Frisch und Dürrenmatt, sicher aber der weltoffenste – ein Kosmopolit mit Heimatadresse ist er zu Recht genannt worden. Er ist Zeitzeuge der wichtigsten Veränderungen, die wir fast alle miterlebt haben. In seinem letzten Buch –War meine  Zeit meine Zeit (2009) – erzählt er, was ihn geprägt hat, was er aus seiner Zeit gemacht hat. Aber er stellt auch die Fragen: "War meine Zeit eine Unzeit?" – "Sollte ich in der Vorgeschichte gelebt haben?" Er nennt vor allem seine beiden Bücher: Abwässer (1963) und Die Kranzflechterin (1964). Sie zeigen seine Art zu denken und zu schreiben besonders anschaulich und humorvoll. Sie sind, als sie erstmals erschienen, recht kritisch aufgenommen worden. Heute erkennen wir anhand dieser Beispiele nicht nur ihren Zusammenhang, sondern auch ihre bestürzende Aktualität.

Der neuste Bericht des Weltklimarats: Welches Klima wollen wir?
Naturwissenschaftlich physikalische Grundlagen des Weltklimaberichts

Proff. Gian-Kaspar Plattner und Thomas Stocker, Universität Bern
Freitag, 6. Dezember 2013, 14.15, HG Aula

Die CO2 Konzentrationen sind heute 30% höher als je zuvor in den letzten 800'000 Jahren und steigen über 100 Mal schneller an als je in den letzten 20'000 Jahren. Das ist auf die Verbrennung fossiler Energieträger und die Landnutzungsänderungen zurückzuführen, welche Auswirkungen auf das gesamte Erdsystem haben. Der neuste Sachstandsbericht Climate Change 2013: The Physical Science Basis des Weltklimarats IPCC dokumentiert ein rasch und tiefgreifend sich änderndes Erdsystem und liefert wissenschaftliche Informationen über künftige Änderungen. Es besteht kein Zweifel, dass die Erwärmung und viele weitere Veränderungen durch den Menschen verursacht werden. IPCC schliesst: Der Einfluss des Menschen auf das Klimasystem ist klar.  Und weiter: Eine Einschränkung des Klimawandels erfordert umfangreiche und langfristige Reduktionen der Treibhausgasemissionen. Somit haben wir die Wahl heute, ob wir in einer Welt leben wollen, die über 4.5°C wärmer ist, mit einem eisfreien Arktischen Ozean gegen die Mitte des 21. Jahrhunderts, mit wesentlich mehr extremen Wetter und Klimaereignissen, und mit einem versauerten Ozean, in dem Korallen und Plankton ernsthaft geschädigt sind, oder aber ob wir in der Lage sind, die Klimaerwärmung unter 2°C zu halten. Schon heute ist aber klar, dass weitere Verzögerungen und ungenügende Emissionsreduktionen die Türen zur Einschränkung des Klimawandels und seinen Auswirkungen für immer schliessen werden.

Schmerztherapie beim Haustier

Helene Rohrbach, Dr. med. vet., OA Anästhesie, Vetsuisse, Universität Bern
Dienstag, 3. Dezember 2013, 16.15, ExWi

Im Laufe der letzten Jahre wuchs innerhalb der Veterinärmedizin wie auch in der breiten Gesellschaft das Bewusstsein, dass Tiere Schmerzen empfinden.

Akuter Schmerz stellt einen Schutz für den Körper dar. Diese Form von Schmerz tritt bereits früh in der Ontogenese auf und stellt eine anpassungsfähige Reaktion auf schädliche oder potenziell schädliche Stimuli dar. Neugeborene Ratten reagieren schon unmittelbar nach der Geburt und noch vor der kompletten Ausbildung des Sehvermögens und des Gehörs aktiv auf schmerzhafte Stimuli. Auch Frühgeborene und Foeten zeigen ein Verhalten, welches mit einer Schmerzempfindung assoziiert werden kann.

Der nicht-funktionale, pathologische Schmerz ist  für die Veterinärmedizin von besonderem Interesse. Diese Form von Schmerz äussert sich sowohl in Bezug auf Intensität als auch Dauer als unverhältnismässige Empfindung. Normale Therapien reichen meist nicht aus, diese Art von Schmerz zu lindern.

Die sensorischen, kognitiven und emotionalen Komponenten des Phänomens Schmerz sind komplex. Trotzdem ist es nicht erstaunlich, dass anhaltende Schmerzen zu Immobilität und einer Verzögerung der Knochenheilung führen. Die Stimulation des sympathischen Nervensystems führt zu einer Freisetzung von Katecholaminen und folglich einer Erhöhung der Herzfrequenz und des Sauerstoffverbrauches. In Kombination mit Appetitverlust und Schlaflosigkeit wird mehr Energie verbraucht als aufgenommen wird, was wiederum die Heilungszeit verlängert. So erscheint es logisch, dass eine stressarme und schnelle Heilungsphase nur mit einer auf das einzelne Tier zugeschnittenen Schmerztherapie erreicht werden kann.

Ziel dieses Vortrages ist es, anhand von Fallbeispielen aufzuzeigen, wie akute und chronische Schmerzen beim Haustier therapiert werden können.

Alte Menschen, schwache Muskeln. Warum ist das so?

Thomas Münzer, PD Dr.med., Chefarzt Geriatrische Klinik, St. Gallen
Freitag, 29. November 2013, 14.15, HG Aula

Altern ist bei Frauen und Männern mit einer langsamen Abnahme der Muskelmasse verbunden (Sarkopenie). Ab dem 40. Lebensjahr verlieren wir 1-2% Muskeln/Jahr. Die Sarkopenie führt zu einer Reduktion der Muskelkraft, einer Abnahme der Ganggeschwindigkeit und kann den Verlust der Selbständigkeit zur Folge haben. Die Sarkopenie ist ein komplexer Prozess, bei dem - für im Alter typisch - unterschiedliche alternde Systeme ineinander greifen. So spielen Veränderungen im Hormonhaushalt, veränderte Ernährungsgewohnheiten und zirkulierende Entzündugsproteine eine wichtige Rolle. Altern führt häufig zur Gebrechlichkeit, die stark mit Sarkopenie assoziiert ist.

In der klinischen Geriatrie werden Hinweise auf Sarkopenie oder Gebrechlichkeit regelmässig systematisch erfasst um möglichst massgeschneiderte Behandlungsangebote zu machen. Bisherige Studien haben gezeigt, dass nur kombinierte Massnahmen gegen Sarkopenie helfen, Kombinationen aus Bewegung und Ernährung, vielleicht auch aus Hormonen können der Sarkopenie und der Gebrechlichkeit entgegenwirken. Der Vortrag erklärt die Mechanismen, die zur Sarkopenie führen, präsentiert Daten über die Häufigkeit dieses Phänomens in der Schweiz und stellt Möglichkeiten der Behandlung beziehungsweise Verzögerung der Sarkopnie vor.

Biologische Grundlagen zum Tierschutz

Hanno Würbel, Dr.med. vet., Prof. für Tierschutz, Vetsuisse, Univ. Bern
Dienstag, 26. November 2013, 16.15, ExWi

Unsere Tierschutzgesetzgebung hat zum Ziel, das Wohlergehen von Tieren zu schützen. „Tiere schützen“ ist als Anliegen ethisch, das heisst von uns Menschen her begründet. Was Tiere zu ihrem Schutz brauchen, ist hingegen biologisch, das heisst von den Tieren her, zu begründen. Deshalb braucht es zur Umsetzung unserer Tierethik eingehende Kenntnisse über die Biologie der betroffenen Tierarten, über ihre Ansprüche an die Umwelt sowie über die Folgen der Missachtung dieser Ansprüche für das Wohlergehen der Tiere. Aufgrund der Komplexität dieser Fragestellungen ist die tierschutzorientierte Biologie eine der umfassendsten Disziplinen innerhalb der Biologie. Der Titel der Vorlesung „Biologische Grundlagen zum Tierschutz“ bezieht sich allerdings nicht nur auf die zu schützenden Tiere. Tiere werden von Menschen geschützt. Nicht nur wie Tiere zu schützen sind, sondern auch warum Menschen Tiere überhaupt schützen wollen, ist eine biologische Fragestellung. Damit soll nicht einer biologistischen Tierschutzethik das Wort geredet werden. Es geht vielmehr darum besser zu verstehen, wie unsere eigene Biologie unser Handeln Tieren gegenüber beeinflusst, und damit auch darum, den Tierschutz, den wir betreiben, besser zu verstehen.

Sparpolitik im internationalen Vergleich:
Macht es einen Unterschied, welche politische Partei regiert?

Klaus Armingeon, Dr. rer. soc., Prof. für Politikwissenschaft, Univ. Bern
Freitag, 22. November 2013, 14.15, HG Aula

Der Vortrag beschäftigt sich mit den Sparpolitiken, wie sie seit 2010 in den europäischen Ländern verfolgt werden. Es wird zunächst ein Überblick über die Sparpolitiken gegeben. Daraufhin werden Theorien  diskutiert, die davon ausgehen, dass parteipolitischen Kräfteverhältnisse diese Sparpolitiken prägen. Die anschliessende Darstellung der empirischen Befunde zeigt jedoch, dass der Einfluss der politischen Parteien auf die Ausgestaltung der Sparpolitiken sehr gering ist. Unter welchen Bedingungen macht (Partei-)Politik überhaupt noch einen Unterschied? Wie können wir die Sparpolitiken und ihre Umsetzung erklären? Diesen Fragen geht der Vortrag in seinem letzten Teil nach.

Himera – eine griechische Koloniestadt am Kreuzweg der Kulturen

Elena Mango, Dr. phil. hist., Professorin für Archäologie des Mittelmeerraumes, Univ. Bern
Dienstag, 19. November 2013, 16.15, ExWi
(s. auch Sizilienreise unter Sonderveranst.)

Himera liegt an der Nordküste Siziliens und ist eine 649 v. Chr. gegründetechalkidisch-dorische Mischkolonie, die 409 v. Chr. zerstört wurde.

Himerawird von Thukydides explizit als die einzige griechische Stadt an Siziliens Nordküste erwähnt. Diese geographisch einsame Lagesowie der ethnische und kulturelle Kontext – in indigenem Umfeld und an phönizisch-karthagisches Einflussgebiet angrenzend – stellen ein fundamentales Element für das Verständnis der Geschichte dieser Stadt am Kreuzweg verschiedener Interessensphärendar und machen sie zu einem Modellfall für die Erforschung interkultureller Kontakte dreier antiker Kulturen.

Die archäologischen Forschungen der letzten 50 Jahre haben ein beeindruckendes monumentales und künstlerisches Patrimonium zum Vorschein gebracht, das den multikulturellen Kontext und die weiten Handelskontaktemit dem phönizisch-punischen, dem griechischen und etruskischen Raum erschliessen lässt. Darüber hinaus konnten zahlreiche Informationen über das Leben in der Stadt sowie über religiöse und funeräre Riten und Traditionen gewonnen werden.

Ein noch junges Himera-Projekt der Universität Bern unter der Leitung von Prof. Dr. E. Mango, das auf Einladung und in Zusammenarbeit mit der Direktion des Parkes von Himera durchgeführt wird, widmet sich einem bislang weitgehend unerforscht gebliebenenTeil der Stadt, dem Piano del Tamburino.Die Erforschung dieses 30ha weiten Gebietes, das mit einem breiten, interdisziplinären Methodenfächer untersucht wird, ist für das Verständnis der Entwicklung der Koloniestadt und des Systems ‚Stadt’ von grosser Wichtigkeit und wird darüber hinaus beitragen, die Position und Bedeutung von Himerainnerhalb der griechischen Koloniestädte Siziliens zu definieren.

Ansicht des Parkes von Himera

Palliative Care – Hoffnung und Chance für wen?
Oder: Das Lebensende vorbereiten – eine Aufgabe für uns alle!

Steffen Eychmüller, Dr.med., Leiter Univ. Zentrum für Palliativmedizin, Inselspital, Bern
Freitag, 15. November 2013, 14.15, HG Aula

NZZ, 24.7.2013 Todesanzeige: Daniel Mustermann (Name geändert), 2.April 1923 – 20.Juli 2013; ist „völlig unerwartet verstorben“……
Anzeigen wie diese mögen ein Indiz dafür sein, dass sich unsere Gesellschaft dabei schwer tut, mit dem durchaus erwartbaren Lebensende konstruktiv auseinanderzusetzen. Das Image des Sterbens als Betriebsunfall einer auf Heilung ausgerichteten Gesundheitsindustrie macht gerade dieses Sterben und die Endlichkeit zu einem Areal der Scham.
„Leben bis zuletzt“ ist eine der Schlagzeilen für Palliative Care – auch im Rahmen der nationalen Strategie. Doch ist diese Losung umzusetzen? Und vor allem wo und durch wen?
Selbstbestimmung und zuhause leben solange wie möglich, ist für die meisten Menschen das Ziel. Doch wie bereit ist die Familie, die Gemeinde, die Gesellschaft, um diesen Wunsch zu erfüllen? Es geht offensichtlich darum, die Gestaltung am Lebensende nicht allein von Fachpersonen zu erwarten. Die Erwartungen sind in der Tat hoch, dass nach einem Leben ohne eigene Vorbereitung auf das Lebensende die „Fachwelt“ das Lebensende „managed“ – falls dies nicht zur Zufriedenheit gelingt, wird das Medizinsystem für dieses Defizit angeklagt, oder man wählt lieber die selbstbestimmte Entsorgung via Suizidbeihilfeorganisation. So gesehen ist die Debatte um die Suizidbeihilfe eine Debatte um die Qualität des Umgangs mit Schwerkranken und Sterbenden – und eigentlich eine Debatte, inwiefern das Lebensende analog zum Lebensanfang einfach mehr persönliche Vorbereitung braucht.
Denn jeder von uns macht den Unterschied. Wenn wir die Endlichkeit in unser Bewusstsein, in unsere Alltagsgestaltung und letztendlich in ganz konkrete Planungen mit der Frage „was mache ich, wenn“ einbeziehen, verliert das Lebensende wohl ebenso den Schrecken und macht uns weniger Angst, wie dies letztendlich auch bei den Fragen um den Lebensanfang gelungen ist. Auch die Geburt war früher geprägt von Angst. Vorbereitung wird wichtiger, wenn wir mit einer chronisch progredienten Erkrankung konfrontiert sind. An einer solchen versterben ca. 90% der Bevölkerung.  Daneben kann diese Wiedereinführung der Endlichkeitin unser Bewusstsein verbunden mit der Vorbereitung durchaus sinnstiftend im Alltag wirken. Tiziano Terzano bspw. stimuliert diesbezüglich in seinem Buch „das Ende ist mein Anfang“, sehr sehenswert verfilmt mit Bruno Ganz.
So kann und soll die Palliative Care Wissen und Fertigkeiten breitflächig verfügbar machen, um sich besser auf das Lebensende vorbereiten zu können. Die Vorbereitung richtet sich nicht auf das Für und Wieder von medizinischen Entscheiden, sondern auf Bereiche, wo jeder von uns kompetent ist: vor welchen Symptomen/ welchem Leiden habe ich konkret Angst? Welche Präferenzen habe ich, wenn meine Lebenszeit begrenzt ist? Welches „unfinishedbusiness“ bleibt zu tun? Welche Sorgen, aber auch welche Ressourcen sehe ich in Bezug auf die Belastbarkeit meines Netzes, meinesZuhause, meines Umfelds? Um wen mache ich mir am meisten Sorgen, wenn es mir schlechter geht, wenn ich sterbe?
Für diese Vorbereitung gibt es ermutigende Beispiele weltweit. Was es braucht, ist eine reife Bevölkerung, die sich dieser Tabuzone liebevoll, aber auch ganz pragmatisch zu nähern weiss.

Neue Technologien in der zahnärztlichen Radiologie

PD Dr. med. dent. Michael Bornstein
Dienstag, 12. November 2013, 16.15, ExWi

Die zahnärztliche Radiologie hat im letzten Jahrzehnt eine wahre Revolution erfahren – dies vor allem durch die Einführung der 3-dimensionalen Bildgebung mittels digitaler Volumentomographie (DVT). Was diese Technologie in den verschiedenen Gebieten der Zahnmedizin bewirkt hat, wo Einsatzgebiete in der Praxis bestehen, aber auch wo aufgrund der höheren Strahlendosis Vorsicht geboten ist, soll in diesem einstündigen Referat aufgezeigt werden. Zudem soll gezeigt werden, dass die Universität Bern, d.h. die Zahnmedizinischen Kliniken in dieser Technologie weltweit zu den führenden akademischen Institutionen gehört und somit national und international als Kompetenzzentrum gilt.

Die Urteile des Berner Prozesses um die
„Protokolle der Weisen von Zion“ 1933-1937

Sibylle Hofer, Dr. jur., Prof. für Rechtsgeschichte und Privatrecht, Univ. Bern
Freitag, 8. November 2013, 14.15, HG Aula

Der Vortrag ist einem spektakulärer Prozess gewidmet, der zwischen 1933 und 1937 in Bern stattfand. Dieser erregte weltweit Aufmerksamkeit, weil dabei Schweizer Richter über nichts weniger als den nationalsozialistischen Antisemitismus zu urteilen hatten. Im Mittelpunkt des Verfahrens stand die Schrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Mit Auszügen aus dieser Schrift hatten die deutschen Nationalsozialisten unter anderem den Boykott jüdischer Geschäfte vom 1. April 1933 begründet. Zwei Monate später erstatteten die Kultusgemeinde sowie der Schweizerische Israelitische Gemeindebund Strafanzeige wegen des Verkaufs der „Protokolle“ in Bern. Daraufhin wurde gegen Mitglieder verschiedener Schweizer Fronten Anklage erhoben. In Zeiten grosser politischer Spannungen zwischen Deutschland und der Schweiz sprach das Berner Obergericht im Jahr 1937 in zweiter Instanz die Angeklagten schliesslich frei.

Wasser kennt keine Grenzen – wirklich nicht?

Bruno Schädler, Dr. sc. nat., Gruppe für Hydrologie, Geograph. Institut,  Univ. Bern
Dienstag, 5. November 2013, 16.15, ExWi

Zahlreiche Gebirgsregionen der Welt liefern wertvolles Wasser in die angrenzenden tiefer gelegenen Gebiete. In ariden Klimazonen sind diese Beiträge besonders wichtig, weil damit saisonale und regionale Trockenzeiten ausgeglichen werden können. Auf ihrem langen Weg von der Quelle bis zum Meer durchfliessen weltweit über 260 Flüsse mehrere Staaten. Wasser kennt also in der Tat keine (politischen) Grenzen. Mit dem fliessenden Wasser können Konflikte von einer Staatengemeinschaft zur anderen transportiert werden: statt sauberem Wasser wird verschmutztes Wasser über die Grenze weitergegeben oder es fliesst weniger Wasser ab im Vergleich zu früher, weil Wasser zurückgehalten, abgeleitet oder für die landwirtschaftliche Bewässerung verbraucht wird.
In Europa ist es heute Konsens, dass die wasserwirtschaftlichen Themen - vom Gewässerschutz über die Trinkwasserversorgung bis zum Hochwasserschutz – im Rahmen der Flusseinzugsgebiete koordiniert geplant und gelöst werden sollen. Jedoch ist es heute oft ein Tabuthema, Wassertransfer über die Grenzen von Einzugsgebieten hinweg ins Auge zu fassen: sei es im Kleinen bei der Vernetzung von Trinkwasserversorgungen über Gemeindegrenzen hinweg, sei es im Grossen bei der Ableitung von Wasser aus wasserreichen Regionen in wasserärmere Gebiete mit zusätzlichem Wasserbedarf. Beispiele sind die grossen Wassertransfers in China oder in kleinerem Massstab in der Region Bodensee-Baden-Württemberg. Das Wasser kennt also durchaus auch (topografische) Grenzen am Rande der Einzugsgebiete.
Insgesamt gibt es ganz zweifellos genug Wasser auf dieser Erde – und es wird zudem stetig erneuert und in bester Qualität nachgeliefert. Nur ist es leider nicht zur rechten Zeit am rechten Ort vorhanden. Nämlich dort, wo es von den Menschen gebraucht würde: Für die Bewässerung von landwirtschaftlichen Flächen, für die Industrie und für Haushalt, Trinkwasser und Hygiene werden heute schon etwa 15 Prozent des theoretisch nutzbaren Wassers verbraucht. Bis zum Jahr 2050 könnten es zusätzliche 30 Prozent sein.
Die Reduktion des Wasserbedarfs auf Landwirtschaft, Industrie und Haushalt greift aber zu kurz. Es gibt wesentlich grössere Wassernutzer: die Ökosysteme entlang der Fliessgewässer, Seen und Feuchtgebiete sowie die Wasserkraftnutzung für die Erzeugung von erneuerbarem Strom und auch die Flussschiffahrt. Für die Wasserkraftnutzung fliesst alleine in der Schweiz alles verfügbare Wasser rund 12 mal durch die Turbinen der Wasserkraftwerke. Weltweit wird rund ein Viertel des global abfliessenden Wassers in Stauseen zwischengespeichert und davon der grösste Teil zur Stromproduktion verwendet. In vielen Ländern sind die Flüsse die wichtigsten Verkehrsadern für den Transport von Gütern und Personen. Dazu ist ein ausgeglichener Wasserstand notwendig. Wird uns in Zukunft mit allen ihren globalen Veränderungen auch für diese Nutzungen genug Wasser zur Verfügung stehen? Am Beispiel des Rheins und der Schweiz werden diese Fragen diskutiert.

Notfallversorgung von Senioren –
eine Herausforderung an die Medizin?

Aristomenis Exadactylos, Prof. Dr. med., Leiter Universitäres Notfallzentrum, Inselspital, Bern
Freitag, 1. November 2013, 14.15, HG Aula

Nicht nur wir werden älter, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes. Aus diesem Grund interessiert sich die Medizin und auch die Notfallmedizin immer mehr für seine Seniorinnen und Senioren. So wurden in den letzten Jahren verschiedene Anstrengungen unternommen, die Notfallmedizinische Versorgung von Seniorinnen und Senioren zu verbessern. Länder wie die USA sind da schon weiter voraus. Dies ist verständlich, da der 3. Lebensabschnitt ein verdienter und von guter Gesundheit begleiteter Lebensabschnitt sein soll.
Der Vortrag wird sich mit all den Aspekten des Krankheits- und Unfallmanagements bei alten und sehr alten Patienten beschäftigen und einige Ausblicke in die Zukunft der Altersnotfallmedizin geben.

Müssen Verluste schmerzhaft sein?
Zur Psychologie der Trauer

Hansjörg Znoj, Dr. phil. hist., Prof. für klinische Psychologie und Psychotherapie, Univ. Bern
Dienstag, 29. Oktober 2013, 16.15, ExWi

Trauern ist keine Krankheit oder psychische Störung, sondern ein natürlicher  Vorgang nach dem Verlust einer geliebten Person, der neben hoher Belastung auch positive Erfahrungen zulässt. In manchen Fällen ist es jedoch notwendig, Trauerreaktionen therapeutisch zu begleiten oder Folgen eines Verlustes zu behandeln. Es werden Modelle vorgestellt, die für die Therapie einer komplizierten Trauer hilfreich und nützlich sein können. Auf drei Aspekte, die in der Literatur bisweilen unzureichend behandelt werden, wird besonders eingegangen. Diese drei Aspekte der Trauer sind
a) die Multidimensionalität der Trauer,
b) die starke Prägung der individuell gefühlten Trauer durch kulturelle und soziale Bedingungen und
c) die inhärente Adaptivität des Trauerns, welches zugleich Ausdruck des Schmerzes als auch der Anpassung und Weiterentwicklung ist.
Das Thema „Trauer“ ist stark von kulturellen Vorstellungen und weniger durch empirisch abgestütztes Wissen geprägt; der Vortrag bezweckt unter anderem, den aktuellen Wissenstand zu vermitteln. Gleichzeitig existieren Trauerformen, die sich verselbstständigen können und dadurch als psychische Störung qualifizieren. Diese Trauer wird als "komplizierte Trauer" bezeichnet. Es wird auf die Kriterien einer komplizierten Trauer eingegangen. Daraus lassen sich therapeutische Vorgehensweisen ableiten.

 

Dickdarmkrebs

(s. auch Sonderveranstaltung am 20. 11.)

Daniel Candinas, Dr. med., Prof. für viszerale und Transplantationschirurgie, Inselspital, Bern
Freitag, 25. Oktober 2013, 14.15, HG Aula

Gehören Laser zu unserem Alltag?

Davide Bleiner, Dr. phil. nat., Prof. für angewandte Physik, Univ. Bern
Dienstag, 22. Oktober 2013, 16.15, ExWi

Lange Zeit nach Einsteins theoretische Beschreibung des Grundvorgangs des Lasers Anfangs 1900, wurde der erste  Laser 1960 experimentell bewiesen. Damals wurde die Erfindung von Verleumdern als eine “Antwort zu keiner Frage!” verspottet. Da heutzutage praktisch alle Bereiche unseres Alltags, sprich Unterhaltung (z.B. CD Wiedergabe), hochpräzise Vermessungen, oder Regelung- bzw. Sicherheitssysteme, usw., vom Nutzen eines Lasers betroffen sind, ist keine Aussage in der Wissenschaft und Technik als so falsch wie diese bewiesen worden. Trotzdem, ist der Name der Lasererfinder, den meisten Menschen nicht so vertraut!
In diesem Vortrag werden die Grundmerkmale, die einen Laser zu einer so besonderen “Lichtquelle” machen, zunächst erläutert. Diese erklären warum das Laserlicht “farbrein” ist, und auch wieso es kollimiert verläuft. Weiter, werden die Zuhörer etwas über einige Laseranwendungen lernen. Im Anhang, werden die verschiedenen “urbanen Legenden” dementiert, wie z.B. das Star Wars “Laserschwert”, aber andere wie Teletransport ...doch nicht?  Es wird auch diskutiert, wie die Energiekrise, die grosse Sorge über die Zukunft unserer modernen Gesellschaft, mittels lasergestützen Kernfusionexperimenten gelöst werden könnte.

Der diabetische Fuss

Fabian Krause, PD Dr. med., Klinik für Orthopädie, Inselspital, Bern
Freitag, 18. Oktober 2013, 14.15, HG Aula

"Die Füsse sind der häufigste Grund für eine notwendige Hospitalisation des Diabetikers!" Woher kommt das?
Die Diabetes Erkrankung führt zum Absterben von sensiblen (Gefühl) und motorischen (Bewegung) Nerven. Zu Grunde liegt meist eine Durchblutungsstörung der kleinen aber auch grossen Gefässe. Dies wiederum hat einerseits eine Gefühllosigkeit und andererseits eine Deformierung der Füsse zur Folge. Gefühllose und verkrümmte Zehen sind in ungeeigneten Schuhwerk der Gefahr von Druckstellen, von oberflächlichen und tiefen Löchern in der Haut und im Unterhautfettgewebe und zuletzt auch der Weichteil- und Knocheninfektion in hohem Masse ausgesetzt.
Geeignetes Schuhwerk kann vorbeugen und auch therapieren, im fortgeschrittenen Stadium ist aber häufig eine Amputation (Abnehmen eines Teils der Zehe oder des Fusses) unausweichlich. Die generell schlechte Durchblutung der Füsse, die beim Diabetiker in der Regel nochmals schlechter ist, erlaubt keine ausreichend hohe Konzentration von Antibiotika, die den Infekt ausheilen könnte. Ein rasches, unkontrollierbares Ausbreiten der Infektion muss unbedingt verhindert werden.
Der Vortrag behandelt dieses wichtige Thema im Detail und veranschaulicht die Problematik anhand von Patientenbildern, gibt aber auch notwendige Hinweise zur Vorbeugung, Übernahme der Therapiekosten bei der teuren Schuhversorgung und zu den Folgen bei allfälligen Amputationen.

„von Katz und Maus und mea culpa“ –
Günter Grass und die Waffen-SS. Eine literarische Spurensuche

Matthias Lorenz, Dr. phil. hist., Prof. für Gegenwartsliteratur, Univ. Bern
Dienstag, 15. Oktober 2013, 16.15, ExWi

Der Referent untersucht den zweiten Teil der weltberühmten »Danziger Trilogie« von Günter Grass, die Novelle Katz und Maus von 1961. Er betrachtet den kanonischen Text aus der Perspektive von Grass’ Autobiografie Beim Häuten derZwiebel, die 2006 durch das »Geständnis« des Nobelpreisträgers, als Siebzehnjähriger Soldat der Waffen-SS gewesen zu sein, einen Skandal ausgelöst hatte. Durch ein »closereading« der frühen Novelle lässt sich zeigen, dass der Autor im Gegensatz zur Wahrnehmung der Medien schon früh Rechenschaft über sein diesbezügliches Schuldempfinden abgelegt hatte und augenscheinlich das literarisch couvrierte »Geständnis« notwendige Voraussetzung für ihn war, die Rolle als »Erzrepräsentant einer deutschen Schulderinnerung« (Karl Heinz Bohrer), die ihm 1959 unmittelbar mit dem Erfolg der Blechtrommel zugefallen war, einnehmen und ausüben zu können.

 

Der Referent empfiehlt, vorbereitend die Novelle Katz und Maus (Günter Grass, 1961) zu lesen. Ergänzende Textauszüge aus weiteren Werken stehen hier zum download zur Verfügung.

Die dunkle Seite des Universums –
Berner Physiker auf der Suche nach dunkler Materie

Marc Schumann, Dr. phil.nat., Prof. für Physik, Univ. Bern
Freitag, 11. Oktober 2013, 14.15, HG Aula

"Wir wissen, dass wir quasi nichts wissen." So könnte man den aktuellen Stand der Forschung über das Universum zusammenfassen. Durch eine Vielzahl von Messungen ist bekannt, dass wir gerade einmal über 5% des Universums präzise Bescheid wissen. Der Grossteil der Masse im Kosmos ist dunkel, und entzieht sich unserer direkten Beobachtung. Neben der sogenannten Dunklen Energie gibt es die mysteriöse Dunkle Materie, die für die Entwicklung von Galaxien entscheidend ist. Wir wissen dabei aber nicht, was diese Materie eigentlich ist.
In diesem Vortrag werden wir zunächst einige entscheidende Hinweise zur Existenz der Dunklen Materie kennenlernen, bevor wir uns dann der experimentellen Suche nach Dunkler Materie zuwenden. Diese Projekte errichten sehr sensible Detektoren in Laboren tief unterhalb der Erdoberfläche, und Berner Physiker sind aktiv an den Messungen beteiligt.

Zur Bildüberlieferung von Ovids Metamorphosen in der textbegleitenden Druckgraphik

Frau Prof. Dr. Gerlinde Huber-Rebenich
Dienstag, 8. Oktober 2013, 16.15, ExWi

Ovids 'Metamorphosen', von Ernst Robert Curtius treffend als "Who's who" der klassischen Mythologie bezeichnet, waren in der Renaissance eine der wichtigsten Quellen für das Wissen um die antiken Götter - dies nicht nur auf der Basis des lateinischen Originals, sondern auch durch zahlreiche Übertragungen und Bearbeitungen in europäischen Volkssprachen. Die Druckausgaben dieser Texte waren häufig mit Holzschnitten, später auch mit Kupferstichen und Radierungen ausgestattet, so dass die Inhalte der Mythenepisoden durch ein zusätzliches Medium, das Bild, vermittelt wurden.
Im Vortrag wird der Frage nachgegangen, in welchem Verhältnis Text und Bild in den frühesten Serien des 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts stehen und welche Funktion die Bilder in ihrem Kontext erfüllen. Zur Anschauung dienen die Zyklen zur französischen 'Metamorphosen'-Bearbeitung der 'Bible des poètes' (Brügge 1484) und zum 'Ovidio metamorphoseos vulgare' des Giovanni dei Bonsignori (Venedig 1497) samt der Tradition, die auf sie zurückgeht.

Wie Verdis „La traviata“ trotz ihres „unmoralischen“ Sujets zu einer der erfolgreichsten Opern wurde

Prof. Dr. Anselm Gerhard
Freitag, 4. Oktober 2013, 14.15, HG Aula

(s. auch Sonderveranstaltung am 6. 11.)
Wie ist es möglich, dass eine Oper um eine (Luxus-)Prostituierte ausgerechnet im katholischen Italien Erfolg hatte? Drei Faktoren sollen dabei insbesondere in den Blick genommen werden: die radikale Selbstzensur Verdis und seines Librettisten Piave, die subtilen Anspielungen auf die christliche Überlieferung wie den Mythos der Maria Magdalena und die Spannung zwischen (oft verschleierten) Formulierungen im gesungenen Text und den viel deutlicheren Aussagen in Verdis Musik.

Was können Investoren von akademischen Erkenntnissen lernen?

Dr. Hansruedi Scherer und Dr. Diego Liechti
Dienstag, 1. Oktober 2013, 16.15, ExWi

Dozenten am Institut für Finanzmanagement, WiSo Fakultät, Univ. Bern
Was kann ein Investor von den akademischen Erkenntnissen lernen? Diese Frage steht im Zentrum dieser Vorlesung, welche sich an Investoren ohne grosse Vorkenntnisse richtet.
Nach einer Einführung zu den üblichen Anlageinstrumenten wie Aktien, Obligationen, Immobilien, Anlagefonds, ETFs und alternativen Anlagen, folgt ein kurzer Überblick zur Theorie des Investierens. Behandelte Themen sind dabei die Preisbildung auf Finanzmärkten, der Zielkonflikt zwischen Risiko und Ertrag sowie die Frage, wie effizient die heutigen Kapitalmärkte sind. Eine wichtige Implikation aus der Theorie ist dabei die Diversifikation des Portfolios.
Basierend auf diesen theoretischen Grundlagen werden praktische Ratschläge behandelt. Angesprochene Punkte sind die Entscheidung zwischen Rente oder Kapitalbezug, die Risikofähigkeit im Alter, die Bedeutung der Vermögensverwaltungskosten, die einfache Steuerung des Risikos in einem Anlageportfolio sowie aktuelle Fragestellungen wie z.B., ob Gold oder Obligationen im heutigen Umfeld eine gute Investition darstellen.
Das Ziel des Vortrages ist, dass private Investoren mit den Grundlagen des Investierens vertraut werden und dank einfachen Erkenntnissen aus der Theorie die am häufigsten begangenen Fehler vermeiden können.

Zum Begriff der Qualität in der Medizin

Prof. Dr. med. Thierry Carrel
Freitag, 27. September 2013, 14.15, HG Aula


In Einem sind wir uns einig:  Die Qualität der ärztlichen und der pflegerischen Abläufe, gern auch „Prozesse“ genannt, insbesondere im Spital, ist entscheidend. Qualität soll geplant, gelenkt, gesichert, gemanagt und verbessert werden. Aber was verstehen wir eigentlich unter „Qualität in der Medizin“? Und können wir diese Qualität messen?
Anders als in der Industrie gibt es in der Medizin kein mechanistisches Modell, das eine zuverlässige Messung von Prozessabläufen beschreibt. Bestenfalls können wir Abläufe beschleunigen und den Zeitgewinn messen, Wartezeiten für Patienten an Behandlungsschnittstellen (etwa vor Untersuchungen) verringern und indirekt die Steigerung der Patientenzufriedenheit messen.
Eine zuverlässige Messung der Ergebnisqualität in der Medizin ist ebenso tückisch, da keine unumstrittenen oder allgemein gültigen Indikatoren zur Messung von Behandlungserfolgen existieren. Wie wollen wir als Ärzte die Behandlungsqualität messen, wo doch nur der Patient als individuell Betroffener anhand von Parametern wie Schmerzreduktion, Funktionsverbesserung, Lebensfreude das Ergebnis beurteilen kann?
Spitäler, Kliniken, auch das BAG, veröffentlichen Qualitätsberichte mit Leistungszahlen. Deren hoher Anspruch lautet: Qualität messbar und begreifbar machen. Im besten Falle also wollen Qualitätsberichte Entscheidungshilfe für den einweisenden Arzt oder den Patienten sein. Auf zwei Qualitätsindikatoren, die angeblich die Qualität eines Spitals messen sollen, trifft man immer wieder: „Anzahl der Operationen pro Jahr“ und „Wahrscheinlichkeit beim Eingriff zu Versterben“. Beide Parameter kann man anzweifeln:  Mehr Eingriffe bedeuten nicht zwangsläufig mehr Erfahrung, und in grossen Spitälern sterben schon deshalb mehr Patienten, weil sie durchschnittlich komplexere Krankheiten aufweisen und daher kränker sind als Patienten in kleinen Spitälern.
Qualität ist also bei Weitem nicht immer messbar. Ebenso ist das beste medizinisch Machbare nicht unbedingt das beste individuell zu bestimmende Behandlungsverfahren für jeden Patienten. Spätestens hier berührt die Qualität Fragen der Ethik und der Ökonomie.

Rehabilitation im Alter

Prof. Dr. med. Andreas Stuck Universitäre Geriatrie Inselspital und Spital Netz Bern
Dienstag, 24. September 2013, 16.15, ExWi (ursprünglich vorgesehen am 13. Dezember 2013)


Wir alle möchten im Alter selbständig sowie körperlich und geistig rüstig sein. Leider können aber im Alter Krankheiten auftreten, welche zu Funktionseinschränkungen im Alltag führen. Die Frage ist nun: Wenn solche Krankheiten auftreten, wann ist es möglich, mit einer Rehabilitation die Selbständigkeit des betroffenen Menschen wieder zu verbessern? Und auf der anderen Seite: Wann muss sich ein Mensch und seine Angehören dagegen mit einer Krankheit abfinden, und eine pflegerische Betreuung zu Hause oder in einem Heim akzeptieren?
Dies ist eine der zentralen Fragen der heutigen geriatrischen Medizin. Die Geriatrie in Bern bietet drei unterschiedliche Angebote der Rehabilitation an: 1. Rehabilitation für Menschen, die im Akutspital sind, und neben der medizinischen Akutbetreuung auch bereits eine umfassende Rehabilitation benötigen. 2. Stationäre Rehabilitation für Menschen, bei denen die Akutspitalbehandlung abgeschlossen ist, die aber eine weitere Rehabilitation im Spital benötigen, bevor sie wieder nach Hause zurückkehren können. Und 3. Ambulante Rehabilitation für Menschen, die mit Einschränkungen zu Hause leben, und bei denen die notwendige Therapie ambulant möglich ist.
Die geriatrischen Rehabilitationsangebote in Bern sind zukunftsweisend und finden schweizweit und auch international Beachtung. Prof. Stuck stellt aus seiner persönlichen Erfahrung diese Angebote (Inselspital, Spital Ziegler, Spital Belp) vor (siehe dazu auch www.geriatrie-bern.ch). Zudem zeigt er auf, wie sich die Rehabilitation in den letzten Jahren verändert hat, was heute zu einer modernen und wirksamen Rehabilitation gehört, und welche persönlichen Erfahrungen betroffene ältere Patienten und Patientinnen mit der Rehabilitation in Bern gemacht haben.

Fortschritte in der Rheumatologie

Prof. Dr. med. Michael Seitz   
Fraitag, 20. September 2013, , 14.15, HG Aula

Dank der grossen Fortschritte in der Immunologie, der Molekularbiologie und der Biotechnologie hat sich die Rheumatologie als eigenständiges Fachgebiet mit den Schwerpunkten Diagnostik und Therapie sowohl muskuloskelettaler Erkrankungen wie auch der systemisch entzündlichen Erkrankungen in den vergangenen 20 Jahren ganz enorm weiterentwickelt. Dieser Fortschritt hat heute nicht nur zur Verbesserung der Lebensqualität sondern auch zu verminderter Sterblichkeit von Patienten mit chronisch entzündlichen Erkrankungen des Bewegungsapparates und  der inneren Organe geführt.                                         
Dementsprechend wird in diesem Vortrag insbesondere auf die verbesserte Früherkennung der rheumatoiden Arthritis (früher chronische Polyarthritis genannt) anhand verbesserter Diagnosekriterien, sensitiver und spezifischer moderner Bildgebungsverfahren (z.B. Gelenk-Ultraschall und Magnetresonanztomographie) und Laboruntersuchungen (neue Autoantikörper) eingegangen wie auch die therapeutische ‚Revolution‘ bei den chronisch entzündlichen rheumatischen Erkrankungen durch die Entwicklung und Einführung der ‚Biologika‘ in den klinischen Alltag besprochen. Der Einsatz der vielfältigen konventionellen und auch der neuen Rheumamedikamente erlaubt heute eine sehr differenziert  ausgerichtete Therapie entsprechend dem individuellen Krankheitsverlauf, seinen wichtigen individuellen prognostischen Prädiktoren und möglichen Begleiterkrankungen. Mit der Einführung der Biologika, welche sehr gezielt bestimmte entzündliche Botenstoffe (Zytokine) oder besonders aktivierte Immunzellen (T-und B-Zellen) im Krankheitsgeschehen ausschalten, ist nicht nur die Therapie der entzündlich rheumatischen Erkrankungen revolutioniert worden, sondern die klinischen Effekte dieser Medikamente haben auch das Verständnis für die Entstehung dieser Erkrankungen entscheidend gefördert und der Entzündungsforschung wesentliche neue Impulse gegeben. Ähnliches gilt auch für die Gicht, eine altbekannte Stoffwechselerkrankung, welche mit akuten und auch chronischen Gelenk-und Weichteilentzündungen einhergeht. Erst vor wenigen Jahren gelang es mit der Entdeckung des sogenannten ‚Inflammasoms‘ die der Entzündung zugrundeliegenden molekularen Mechanismen bei dieser häufigen Wohlstandserkrankung aufzudecken und mit Interleukin-1 Antagonisten sehr wirksame und spezifisch angreifende Entzündungshemmer zu entwickeln. Dies hat ebenfalls eine ganz neue Entwicklung in der Entzündungs-forschung in Gang gesetzt, welche sich mit der sog. ‚Autoinflammation‘ beschäftigt und auch Entzündungsmechanismen bei selteneren z.T. genetisch vererbten Erkrankungen aufgedeckt und therapeutisch besser zugänglich gemacht hat. Unangenehme Folgen der chronischen Gicht, nämlich die Harnsäurekristall-ablagerungen in Gelenken und Weichteilen lassen sich darüberhinaus heutzutage mit sehr sensitiven Bildgebungstechniken wie der ‚Dual Energy Computertomo-graphie‘ (DECT) darstellen, wodurch auch eine objektive Überwachung des Therapieerfolges mit Auflösung der ‚Gichttophi‘ durch die Verwendung des rekombinanten Enzyms Uratoxidase/Rasburicase bei besonders schweren Gichterkrankungen erstmals möglich geworden ist.                                      
Mit zunehmendem Alter der Bevölkerung nehmen auch die sog. ‚Alterserkrankungen‘ wie die Osteoporose zu. Diese stellen uns in den nächsten Jahren vor zunehmende gesundheitsökonomische Herausforderungen. In diesem Zusammenhang ist die Entwicklung neuer spezifischer Medikamente zur Bekämpfung der Osteoporose und ihrer Folgen wie gehäufte Knochenfrakturen und dadurch bedingt erhöhte Morbidität und Gesundheitskosten von grosser Bedeutung. Die Knochenforschung hat im vergangenen Jahrzehnt mit der Entdeckung des RANKLiganden den wichtigsten Faktor für die Entstehung der knochenabbauenden Zellen (Osteoklasten) identifiziert und spezifische Hemmstoffe (Antikörper gegen RANKL) dagegen entwickelt, die seit kurzem sehr erfolgreich und nebenwirkungsarm bei Patienten eingesetzt werden. Schlussendlich kann damit die Entwicklung einer Osteoporose bei Risikopopu-lationen wie auch das Voranschreiten einer etablierten Erkrankung mit neuen Knochenfrakturen wirksam verhindert werden. Durch diese Entwicklung wurde ein ganz neues Forschungsgebiet in der Rheumatologie, die sog. ‚Osteoimmunologie‘ inauguriert, welche die spannende Untersuchung der vielfältigen Interaktionen von Immun-und Knochensystem zum Gegenstand hat.
Eine besondere Herausforderung und einen  neuen Quantensprung werden in den kommenden Jahren in der Rheumatologie wie auch sonst in der Medizin die Entwicklung und Validierung von klinischen, biologischen und pharmakogeno-mischen Merkmalen darstellen, welche eine massgeschneiderte, d.h. möglichst wirkungsvolle und nebenwirkungsarme Therapie für das betroffene Individuum ermöglichen sollen.

Siehe auch die Sonderveranstaltung von Donnerstag 26. September, 15-17, im Hauptgebäude: Vertiefungsseminar Rheumatologie, Mit Prof. Dr. Michael Seitz. Anmeldung erforderlich. Nur für Mitglieder der Seniorenuniversität.

Langjährige glückliche Partnerschaft – alles nur Glücksache?

Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello, Universität Bern
Dienstag, 17. September 2013, 16.15, ExWi

Gemeinsam alt zu werden ist nach wie vor der Wunsch und die Hoffnung der meisten, die eine Ehe eingehen. Silberne und goldene Hochzeiten sind auch schon lange keine Seltenheit mehr. Die längere Lebenserwartung brachte es mit sich, dass Ehegemeinschaften im Grunde über mehrere Jahrzehnte dauern können. Allerdings deutet der starke Anstieg der Scheidungsraten bei langjährigen Ehen darauf hin, dass die Perspektive einer langen Partnerschaft für viele eine Herausforderung ist. So hat sich die Scheidungsrate bei langjährigen (über 20 jährigen) Ehen seit 1970 bis heute verdoppelt, nämlich von 15% auf 30%.
Dennoch gibt es eine Mehrheit von Paaren, welche trotz Krisen, Alltagsbelastungen und Routine auch nach jahrzehntelanger Ehe zusammen sind. Was hält diese Ehen zusammen? Sind sie auch glücklich oder handelt es sich mehrheitlich um blosse Zweckgemeinschaften? Gibt es so etwas wie ein Rezept für stabile und glückliche Ehen oder ist letztlich alles nur Glückssache? In diesem Vortrag werden Ergebnisse einer repräsentativen nationalen Untersuchung berichtet und kommentiert sowie praktische Folgerungen gezogen.