Abstracts 2011/12

Die Abstracts und weitere Informationen, die uns teilweise von den Referenten zur Verfügung gestellt worden sind, sind jeweils unter den Titeln der Vorträge gesammelt.

Prof. Dr. Peter Mürner,

Freitag, 1. Juni 2012, 14.15, Hauptgebäude

Was sind Primzahlen und wie viele gibt es davon? Ist es möglich, aus einem A4-Blatt ein Tetraeder zu falten? Wie viele Farben braucht es, um eine Landkarte zu färben? Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei 23 Personen mindestens zwei von ihnen am selben Tag Geburtstag haben?
Solche und ähnliche Fragen werden in der Seniorenuni am 1. Juni behandelt.Die Vorlesung soll erleben lassen, dass Mathematik überraschen und Spass bereiten kann. Es werden keine Vorkenntnisse vorausgesetzt. Die Themen gehen nicht wesentlich über die Schulmathematik hinaus. Sie beleuchten vielmehr elementare Gegenstände aus einem anderen, hie und da auch etwas ungewohnten und überraschenden, Blickwinkel. Auf Formeln wird (mit einer einzigen Ausnahme) verzichtet. Die Spannbreite der Themen reicht vom faszinierenden Zahlenreich über Kostbarkeiten aus der geometrischen Schatztruhe bis hin zu paradoxen Ergebnissen der Wahrscheinlichkeitstheorie.
Und was fasziniert den Referenten an der Mathematik?
Mathematik ist ein Teil unserer menschlichen Kultur. Am meisten fasziniert mich der kreative Aspekt dieses wunderbaren Kulturguts. Mathematikeröffnet unserem Geist die Möglichkeit, Neues zu entdecken und zu ergründen, beispielsweise mit Zahlen und Figuren. Als Konstruktion unseres Geistes ist Mathematik für mich sowohl Wissenschaft als auch Kunst. Überdies ist mir das spielerisch Entdeckendein der Mathematik wichtig, und ich wünschte mir, dass diesem Aspekt in der Schulmathematik etwas mehr Platz eingeräumt würde. Mit einfachsten Mitteln kann man auf diese Weise nämlich Entdeckerfreude und Neugier wecken.
Ein Hauptziel der Vorlesung am 1. Juni besteht deshalb darin, einige faszinierende Phänomene der Mathematik darzustellen und damit die Phantasie der interessierten Zuhörerschaft anzuregen.

 

Von Hiroshima nach Fukushima. Akzentverschiebungen in der Diskussion um Atomkraftwerke in der Schweiz, 1945-2011

Prof. em. Dr. Christian Pfister
Freitag, 25. Mai 2012, 14.15, Hauptgebäude

Am Anfang der Atomwirtschaft steht Hiroshima. Auf das Gerücht hin, dass die Nazis mit dem Bau einer Atombombe beschäftigt seien, entschloss sich Roosevelt 1942, alle zum Bau einer Bombe benötigten Ressourcen zu mobilisieren. Als die Atomwissenschafter nach Kriegsende in ihre Universitäten zurückkehrten, wurde unter dem Schirm der Geheimhaltung mit Regierungssubventionen eine zivile Atomindustrie aufgebaut, wobei die militärische Option stets eine bedeutende Rolle spielte. Die USA wollten auf diesem Gebiet nicht hinter ihren Rivalen (Grossbritannien und der Sowjetunion) zurückbleiben. Auch in der Schweiz entsprang die (geheime) Förderung der Atomtechnologie durch den Bund nach 1945 einer Allianz zwischen militärischen und wissenschaftlichen Interessen. Doch um der Atomwirtschaft Akzeptanz zu verschaffen, musste sie in der Öffentlichkeit aufgewertet werden. Neue Technologien setzen sich durch, wenn sie von Fortschrittseuphorien getragen werden. Im Vortrag wird dargelegt, wie Atomkraftwerke mit dem Versprechen einer unerschöpflichen Fülle an sauberer Billigstenergie (z.B. Atompillen zur Betankung von Autos) zur Zukunftstechnologie emporstilisiert wurden, Die Schweiz ging in Europa beim Bau von AKWs in Europa führend voran. Aufgezeigt wird im folgenden, warum sich im „Dreyecksland“ (in beiden Basel, im Elsass und in Baden), von den 1970er Jahren an Widerstand gegen den Bau von AKWs formierte und warum dieser mit der Zeit grössere Teile der öffentlichen Meinung eroberte (Verzicht auf Kaiseraugst, Moratorium beim Bau neuer AKW). Anhand der Katastrophen von Tschernobyl (1986)und Fukushima (2011) wird der Bogen zur Gegenwart geschlagen.

Wenn Gefässe weit werden - Einblick in die Arbeit eines Gefässchirurgen

PD Dr. med. M.K. Widmer
Freitag, 18. Mai 2012, 14.15, Hauptgebäude

Rund  5% aller über 65-jährigen Männer zeigen  eine krankhafte Ausweitung der Bauchschlagader, was als Aneurysma bezeichnet wird. Frauen sind fünf bis sechs Mal weniger davon betroffen. Solche Aneurysmen können neben der Haupt- schlagader im Brust- und Bauchbereich auch die Becken-, Leisten- und Kniearterien betreffen.  Platzt ein solches Gefäss im Stammbereich, kann der Patient verbluten. Aneurysmen im Beinbereich verstopfen durch abgesprengte Gerinnsel die Abflussgefässe, was zu einer Mangeldurchblutung der Füsse führen kann.
Bis vor 20 Jahren  wurden Gefässerweiterungen  der Hauptschlagader ausschliesslich offen operiert und mit einer Gefässprothese aus Kunststoff versorgt. Heute werden solche Gefässe dank technischer Fortschritte zunehmend von innen mit einem „ Endograft“ versorgt, der über die Leistengefässe zur erkrankten Stelle hochgeschoben und dort abgesetzt wird.
Der Vortrag mit Bildern und Filmsequenzen soll Einblick in Arbeitswelt eines Gefässchirurgen geben, der schwer kranke Patienten von einem Schicksal, wie es Albert Einstein erlebt hat, bewahren will. Einstein ist 1955 an den Folgen eines eingerissenen Bauchaortenaneurysmas gestorben.

 

Der "andere" Jesus. Eine Einführung in die apokryphen Evangelien.

PD Dr. Moisés Mayordomo
Freitag, 11. Mai 2012, 14.15, Hauptgebäude

Neben den vier kanonischen Evangelien sind aus den ersten Jahrhunderten des Christentums viele Evangelien (bzw. evangelienähnliche Texte) bekannt, welche sehr unpräzise als "Apokryphen" bezeichnet werden. Darunter finden sich Spruchsammlungen wie das Thomas-Evangelium, faszinierende Fragmente wie Papyrus Egerton 2, umstrittene Funde wie das Geheime Markusevangelium, Sensationsfunde wie das Judasevangelium oder judenchristliche Zeugnisse wie das Ebionitenevangelium. Von den Kirchenvätern häretisiert und von den modernen Medien gerne zu Sensationsmeldungen bemüht, wirft dieses sehr unterschiedliche Textcorpus viele Fragen auf: Bringen diese Texte Aspekte des Lebens Jesu ans Licht, welche die neutestamentlichen Schriften verschweigen? Besitzen sie einen eigenständigen Wert für die historische Rückfrage nach Jesus? In welchen Kreisen sind sie entstanden? Was sagen sie über die religiösen Anschauungen im frühen Christentum aus?

Leberchirurgie - Computernavigation in der Leber

Prof. Dr. med. Daniel Candinas
Freitag, 4. Mai 2012, 14.15, Hauptgebäude

Die Leber ist ein lebenswichtiges, grosses Organ, das komplexe Aufgaben für Stoffwechsel, Synthese von Stoffen, Entgiftung und Abwehrsystem erfüllt. Leider ist die Leber auch Sitz häufiger Tumorerkrankungen, welche die Funktion zunehmend beinträchtigen. Eine der biologischen Besonderheiten der Leber ist die grosse Regenerationsfähigkeit, welche man sich für die Teilentfernung tumorbefallener Leberabschnitte zunutze machen kann.
Die Chirurgie der Leber ist sehr anspruchsvoll, weil das Organ stark durchblutet ist und  eine komplexe Anatomie aufweist. Wie in anderen Gebieten der Chirurgie, besteht auch bei der Leberchirurgie die Bestrebung, die gängigen Verfahren weniger belastend und invasiv zu gestalten. Als Hilfsmittel zur besseren Lokalisation und Behandlung von Lebertumoren haben wir in Bern zusammen mit Ingenieuren ein Navigationssystem entwickelt, welches ähnlich funktioniert, wie die Navigationssysteme, die man von der Autoindustrie her kennt.
Lernziele dieser Veranstaltung sind: Grundkenntnisse der Anatomie und Physiologie der Leber, Übersicht über die häufigsten Lebererkrankungen, Einblick in die Chirurgie der Leber unter spezieller Berücksichtigung der Computernavigation.
Gerne gehe ich auch auf Fragen in diesem Zusammenhang ein.

 

Über die Entstehung des Lebens

Prof. Dr. Oliver Mühlemann
Freitag, 27. April 2012, 14.15, Hauptgebäude

Seit rund 200 Jahren wird die Frage nach der Entstehung des Lebens zunehmend auch mit naturwissenschaftlichen Methoden erforscht. Das aus heutiger wissenschaftlicher Sicht plausibelste Szenario für den graduellen Übergang von unbelebter zu belebter Materie vor ca. 4 Milliarden Jahren wird in diesem Vortrag vorgestellt.
Dazu werden folgende Fragen und Themenbereiche diskutiert:
 - Was ist Leben? – Definition einiger Merkmale, in welchen sich tote von lebender Materie unterscheidet.
 - Spontane Entstehung komplexer organischer Moleküle in der „Ursuppe“.
 - Erste selbstreplizierende Systeme und deren Abgrenzung gegen die Umwelt.
 - Das simple Prinzip der Evolution und die sich daraus entwickelnde Vielfalt von Lebensformen.

Militärische Macht und politische Ohnmacht. Adrian von Bubenberg und die Friedensdiplomatie nach den Burgunderkriegen 1477/78.

Prof. Dr. André Holenstein
Freitag, 20. April 2012, 14.15, Hauptgebäude

Adrian von Bubenberg nimmt einen prominenten Platz in der Geschichte Berns ein, als führender Vertreter des Berner Patriziats und Protagonist in den Burgunderkriegen. An seiner Person und den Zeitumständen lassen sich wesentliche Aspekte der eidgenössischen Geschichte der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erzählen. Militärische Macht und diplomatische Ohnmacht sind die Stichworte dazu. Militärische Macht des eidgenössischen Kriegertums in den Konflikten mit Burgund, diplomatische Ohnmacht im Ringen zwischen Frankreich und Habsburg-Österreich. Krieg und Frieden wurde zwischen den Grossmächten ausgehandelt, damals wie heute.

Naturereignis oder Katastrophe? Zur Wahrnehmung, Deutung und Bewältigung von Naturkatastrophen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit

Prof. Dr. Christian Rohr
Freitag, 30. März 2012, 14.15, Hauptgebäude

Was ist eigentlich eine (Natur-)Katastrophe? Der Begriff wird heute in den Medien inflationär und weitgehend unreflektiert verwendet. Ein vergleichender Blick in die Vergangenheit soll daher der Frage gewidmet sein, welche Faktoren dazu führen, dass Menschen extreme Naturereignisse als Katastrophen wahrnehmen. Denn: „Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt. Die Natur kennt keine Katastrophen.“ (Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän, 1979). Für das Spätmittelalter und die Frühe Neuzeit werden ausgewählte Extremereignisse vorgestellt, Erdbeben ebenso wie Überschwemmungen, Lawinenabgänge und Heuschreckenplagen. Räumlich konzentrieren sich die Beispiele vor allem auf Mitteleuropa. Der gewählte Zugang ist einer kulturhistorisch orientierten Umweltgeschichte zuzuordnen, die sich in erster Linie für die Wahrnehmungen, Deutungen, Bewältigungsstrategien und Erinnerungen der Menschen interessiert. Am Ende dieser Ausführungen soll der Bogen zurück in die Gegenwart gespannt werden: Leben wir heute, im Unterschied zu früheren Zeiten, in einer „Katastrophenverdrängungskultur“? Was können wir heute im Umgang mit Naturgefahren aus der Vergangenheit lernen?

Anklage und Verteidigung im Strafprozess

Fürsprecher Heinz Walter Mathys a. Kantonaler Prokurator 1 Bern
Freitag, 23. März 2012, 14.15, Hauptgebäude

Unglücksfälle und Verbrechen, das Unheil Anderer und die Konfliktbewältigung, haben die Menschheit und damit auch die Medien immer interessiert.
Der Referent wirkte nach seiner Assistenz der Strafrechtslehrer Hans Schultz und Hans Walder, a. Bundesanwalt, während 30 Jahren als öffentlicher Ankläger. Er war seit 1984 erster vollamtlich mit der Führung der Aufsicht über Voruntersuchungen in Wirtschaftsstrafsachen und der Vertretung der Anklage in diesen Geschäften betrauter Staatsanwalt. Daneben erfüllte er ‚Sonderaufgaben‘ bei der Verfolgung und Beurteilung von Kapitalverbrechen, bandenmässiger Kriminalität, Sexualdelikten und schweren Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Einige Verfahren, über welche die Medien ausführlich berichtet haben, als ‚Vorrichter‘ und sonstwie tätig waren, prägten die neuere Strafrechtsgeschichte.
Medien und Recht – Medien und Strafrecht – Medien und Politik.
Vorverurteilung – Vorfreispruch ?
Das Erkennen, Untersuchen und Beurteilen von strafbaren Handlungen ist eine wichtige staatspolitische Aufgabe. Der Staat muss eine effiziente Strafverfolgung garantieren und die hierfür notwendigen Mittel zur Verfügung stellen.
Mit Anklage und Verteidigung wird die am Gebot der Fairness orientierte Rollenverteilung im Strafprozess angesprochen.
Ziel eines jeden Strafverfahrens ist die Ermittlung der materiellen Wahrheit in einem an rechtsstaatlichen Verfahrensgarantien orientierten Verfahren.
In den letzten 40 Jahren wurden die Mitwirkungsrechte der an einem Verfahren Beteiligten ständig ausgebaut. Der Anwalt der ersten Stunden ist Beweis hierfür. Dem Verteidiger steht die Möglichkeit zu, im gleichen Zeitpunkt wie die Staatsanwaltschaft in das Verfahren einzugreifen.
Klare Fälle gibt es nicht, es gibt einzig schlüssigen Beweis von Tat und Täterschaft. Auch der Indizienbeweis ist ein schlüssiger Beweis!
Der Schlüssel zu Wahrheit und Gerechtigkeit liegt im vernetzten Denken.
Beweis – Beweisführung – Beweiswürdigung.
Zur Beweisführung werden auch Experten, gerichtliche und private, beigezogen.
In der Wissenschaft und damit auch in der Beweiserhebung und Beweisführung, gibt es regelrechte Quantensprünge.
Cold cases, ungelöste Fälle, „Fall-Killer”.
Eine gute Justiz ist eine schnelle Justiz.

Schlafstörungen im Alter Grundlagen der Abklärung und Therapie anhand von Fallbeispielen aus der altersmedizinischen Praxis

Dr. med. Jon Lory
Freitag, 16. März 2012, 14.15, Hauptgebäude

Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Schlaf wichtig ist für psychische und körperliche Erholung und somit Gesundheit. Altersschlaf ist generell weniger tief und weniger kontinuierlich. Der Sinn und die Bedeutung dieser Veränderungen sind nach wie vor unklar. Im Alter sind Schlafstörungen häufig, ca. 50% aller älteren Personen klagen darüber, 2/3 aller Bewohner/Innen von Heiminstitutionen leiden daran.
Im Vortrag werden die häufigsten klinischen Situationen mit Schlafstörung anhand von anonymisierten Patientenbeispielen diskutiert, d.h. die ZuhörerInnen begleiten den Dozenten aktiv virtuell in seiner Sprechstunde und erarbeiten mit ihm Diagnosen und mögliche Therapiemodalitäten. Ziel des Vortrags ist es, einen Überblick - diagnosebezogen - zu der Abklärung und den Therapiemöglichkeiten medikamentöser und nicht medikamentöser Art von Schlafstörungen im Alter gemeinsam zu erarbeiten.

Aufschwung und Krise: Von der Moderne des Mittelalters

Prof. em. Dr. Rainer C. Schwinges
Freitag, 9. März 2012, 14.15,  Hauptgebäude

Was ist am vom Mittelalter zwischen Aufbruch und Krise so fundamental und wichtig gewesen ist, dass wir heute noch – oft unbewusst – davon profitieren? Bei näherem Hinsehen bemerkt man, dass der älteren europäischen Geschichte bereits funda-mentale Antriebskräfte innewohnten, die wesentlich die Moderne ausmachten, die dabei zugleich Europa gegenüber anderen Kulturen ein unverwechselbares Gesicht gegeben haben. Der Vortrag nähert sich dem Thema in 3 Schritten und fragt zu-nächst einmal, was der Begriff „Mittelalter“ eigentlich bedeutet. Wir stellen sodann Überlegungen an zur Einteilung der Zeit, zur Periodisierung, und zwar sowohl zur äusseren Abgrenzung zur vorangehenden und zur folgenden Zeit (Antike und Neu-zeit) als auch zur inneren Einteilung oder Gliederung der dem Mittelalter bemesse-nen Zeit. Periodisieren heisst aber immer Interpretieren und zeigt, wie sich die Mo-derne das Mittelalter jeweils aneignet. Schliesslich geht es drittens um die Bedingun-gen, Grundstrukturen oder Antriebskräfte der Moderne, die tief ins Mittelalter, insbe-sondere in die entscheidende Aufbruchszeit des 11.-13. Jahrhunderts zurückreichen. Sechs solcher Kräfte werden herausgegriffen – es mag durchaus noch mehr geben, auch auf differenzierteren Denkebenen – wobei das eine oder andere auch in ande-ren Kulturen vorkommen mag. In ihrer Verflechtung jedoch sind sie für das moderne, bis jetzt immer wieder kreative und innovative Europa konstitutiv geworden. Diese Kräfte, die zur Moderne weisen, dabei selbstredend vielfachem Wandel begegnen, sind: 1. Europa-Idee, 2. Christentum, 3. Bildung und Wissenschaft; 4. Feudalismus; 5. Stadt und Markt sowie 6. Recht und Freiheit.

Das Wohlergehen unserer Heimtiere – können wir es verbessern?

Andreas Steiger, ehemals Prof. für Tierhaltung und Tierschutz an der Vetsuisse-Fakultät der Uni Bern
Freitag, 2. März 2012, 14.15, Hauptgebäude

Behandelt werden die zunehmende Bedeutung der Heimtiere und Begleittiere in der Gesellschaft, die in der Praxis bestehenden Tierschutzprobleme bei Heimtieren, die starke Zunahme von Tierschutzstraffällen bei der Haltung von Heimtieren in den letzten Jahren, die Ergänzung des Tierschutzrechts mit neuen Bestimmungen, die Problematik von Extremzuchten bei Heimtieren, der mangelnde Informationsstand in der Gesellschaft über tiergerechte Heimtierhaltung und der Beitrag der Forschung zur tiergerechten Haltung von Heimtieren. Die Forschung kann die biologischen Bedürfnisse von Tieren mittels verschiedener Untersuchungsmethoden und biologischer Kriterien (Verhalten, Klinik, physiologische Parameter) objektivieren und damit wissenschaftliche Grundlagen schaffen für die praktische Haltung und Zucht von Heimtieren sowie auch für gesetzliche Vorgaben und für Verbandsregelungen. Anhand von ausgewählten Beispielen aus der (teilweise eigenen) Forschung bei häufig gehaltenen Heimtieren wird dies dargestellt (Hund, Katze, Meerschweinchen, Gerbil, Goldhamster, Wellensittich, Graupapagei). Verbesserungen für das Wohlergehen unserer Heimtiere sind namentlich möglich durch Informationsmassnahmen, die Berücksichtigung von Forschungsergebnissen, das Tierschutzrecht, Marktmechanismen und die Eigenverantwortung der Heimtierhaltenden.

Plätze als Elemente des Städtebaus - von der Antike bis in die neueste Zeit

Berchtold Weber, ehem. Dozent am Historischen Institut Eherensenator der Universität Bern
Freitag, 24. Februar 2012, 14.15, Hauptgebäude

Warum hat es in einer Stadt neben Strassen normalerweise auch Plätze? Wie und nach welchen Gesichtspunkten werden Plätze geplant? Oder können Plätze auch ohne Planung entstehen? Diesen und ähnlichen Fragen geht der Vortrag mit Beispielen von der Antike bis in die neueste Zeit nach. Der Zuhörer und die Zuhörerin sollen in die Lage versetzt werden, bei einem Bummel durch eine Stadt Funktion und Entstehungsgeschichte eines Platzes abschätzen zu können.

s. auch Sonderveranstaltung am 29. Februar 2012

Wahrnehmung bildender Kunst

Dr. Bernd Kersten
Freitag, 16. Dezember 2011, 14.15, Hauptgebäude

Nicht nur Kunsthistoriker befassen sich mit Ästhetik, sondern auch Wahrnehmungspsychologen. Einführend werde ich drei Grundzüge der visuellen Wahrnehmung beschreiben: Wahrnehmung ist ein aktiver und schöpferischer Prozess, der viel Aufmerksamkeit erfordert – insbesondere wenn man die Besonderheiten eines bildnerischen Kunstwerks erfassen möchte. Im Anschluss zeige ich wie Kunstbilder unsere Aufmerksamkeit lenken und unmittelbar Emotionen auslösen, beispielsweise wenn wir ein Kunstwerk schön finden. Die ambivalenten Darstellungen grosser Kunstwerke ermöglichen es uns zusätzlich, eine metaphorische Bedeutung der Bildwerke zu evozieren.
Beide Sichtweisen werden anhand der Beschreibung von Porträts verbunden - Leonardo da Vincis Mona Lisa, Rembrandts Selbstporträts, und moderne Porträts der Berner Künstlerin Ruth Walter: Wie „lesen“ wir im Alltag ein menschliches Gesicht und wie gestaltet der Künstler/die Künstlerin das Porträt so, dass wir beispielsweise das berühmte rätselhafte Lächeln Lisas erleben? Das Talent des Künstlers, unsere Wahrnehmungsmodule optimal zu stimulieren, erläutere ich abschliessend auch an einigen beeindruckenden Kunstwerken: die Formgestaltung der Höhlenmalerei von Lascaux und des modernen Künstlers Jackson Pollock. Die Farbgestaltung und deren emotionale Wirkung in Bildern des Impressionisten Claude Monet und des unglücklichen Vincent van Gogh.
Dieser Streifzug deutet den Beitrag der Wahrnehmungspsychologie für die Erklärung der Besonderheit von bildnerischen Kunstwerken an – wie interessant er für Sie ist, werden wir diskutieren.

Wo liegt die Vallé d'Obermann? Literarische und Biografische Kontexte von Franz Liszts Schweizer Reise

Prof. Dr. Anselm Gerhard
Dienstag, 13. Dezember 2011, 16.15, Aula Muesmatt

«La Vallée d’Obermann», eines der bekanntesten Klavierstücke von Franz Liszt verdankt sich offensichtlich seiner Schweizer Reise von 1835 und damit auch seiner stürmischen Liebesbeziehung zu Marie d'Agoult. In der 1854 grundlegend gestrafften Komposition finden sich zwei entscheidende Qualitäten von Liszts musikalischem Denken zugespitzt: die inhaltliche Bindung von Instrumentalmusik an Literatur und die Entwicklung scharf kontrastierender Abschnitte aus einem einfachsten melodischen Kern. Überdies kann die Frage nach dem geographischen Ort des imaginären Alpentals zu einem besseren Verständnis der literarischen und biographischen Bezüge in diesem Meisterwerk musikalischer Melancholie beitragen.

Körperkult: Selbstbestimmung oder gesellschaftlicher Zwang? Kann neurologisches Wissen zum Glücksgefühl beitragen?

Prof. Dr. med. Jürg Kesselring
Freitag, 9. Dezember 2011, 14.15, Hauptgebäude

Die Allgegenwart von Bildern lässt uns heute das Körperliche als präsenter erscheinen als in früheren Zeiten. Denn Psychisches oder Geistiges lässt sich im Bild nur als körperlicher Ausdruck darstellen. Massvolle körperliche Aktivität ist für die Entwicklung und Krankheitsprävention (gerade auch im Alter) wichtig und trägt auch zum Wohlbefinden bei. Gelegentlich wird Körperkult aber wahnhaft und pervers.
Es ist eine philosophische und weltanschauliche Voraussetzung für die Tätigkeit in den Neurowissenschaften, das Gehirn als das Organ des (lebenslangen) Lernens aufzufassen mit seiner Haupteigenschaft, dass wir es gebrauchen. Lernen erfolgt in den Wechselwirkungen zwischen Organismus und Umwelt und diese Wechselwirkung wird vom Gehirn organisiert. Ausbildungs- und Trainingsprogramm können gesunden Personen verhelfen, Aktivitäten und Teilhabe am sozialen Leben zu entwickeln und auszubauen, den von einer Schädigung des Nervensystems Betroffenen ermöglichen, solche zu erhalten oder wiederzugewinnen. Die Zielgrösse, an welcher der Wirksamkeitsnachweis der Bemühungen abgelesen wird, ist nicht primär die Aktivität im Gehirn selber, wie sie zunehmend genauer mittels bildgebender oder neurophysiologischen Verfahren nachgewiesen werden kann, als vielmehr das (schwieriger zu messende) Verhalten der Betroffenen mit ihrer psychischen Befindlichkeit im sozialen Kontext ihrer Lebensumstände
Vielleicht ist Glück das richtige Gleichgewicht zwischen befriedigter Lust auf Belohnung & vermiedener Angst vor Bestrafung. Beide Systeme sind überlebenswichtige Funktionen des Frontalhirns, die zeitlebens geübt werden müssen. Beide Systeme können auch ins Krankhafte kippen, wenn sie der Kontrolle entgleiten: als Sucht oder Sozialphobie.
Stichwortartige Zusammenfassung
-    Das Gehirn ist das Organ des Lernens – Lernen erfolgt in der aktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt
-    Lernen ist zeitlebens möglich, kann aber nicht konsumiert, sondern muss aktiv gestaltet werden.
-    Beim Lernen werden neue Verbindungen in den Netzwerken des Gehirns gebildet, die aktiv gebrauchten bleiben bestehen
-    In der Neurorehabilitationen werden die Bedingungen geschaffen, die ein optimales Lernen (unter erschwerten) Bedingungen ermöglichen

Die biblischen Propheten Jona und Nahum und das Problem des Bösen in der Welt

Prof. Dr. Walter Dietrich
Dienstag, 6. Dezember 2011, 16.15, ExWi

Jona und Nahum sind zwei der sog. Kleinen Propheten im Alten Testament. Der eine ist bekannt und beliebt (Jona und der Walfisch!), der andere unbekannt oder unbeliebt (ein Ninive-Hasser). Ninive war die Hauptstadt des neuassyrischen Grossreichs, das Israel und Juda unterjochte und ausbeutete. Nahum wünscht ihm die Pest an den Hals, Jona predigt ihm Busse - und erlebt zu seiner Überraschung, dass es sich bekehrt und Gott es verschont. Beide Prophetenschriften handeln zutiefst vom Problem des Bösen in der Welt, das durch die Weltmetropole Ninive verkörpert wird. Die eine vertritt die Position, Gott müsse das Böse bekämpfen, wenn etwas Gutes werden soll, die andere, Gott könne das Böse zum Guten verändern. Beide Positionen haben ihr relatives Recht - jede zu ihrer Zeit.

Kostproben aus den antiken Naturwissenschaften

Prof. Dr. A. Stückelberger
Freitag, 2. Dezember 2011, 14.15, Hauptgebäude

Das Bild, das wir uns heute von der Antike machen, ist weitgehend geprägt von den literarischen und künstlerischen Werken, während die naturwissenschaftlichen Leistungen der Antike meist wenig gewürdigt werden. Und doch sind es gerade sie, welche die Entwicklung unserer Zivilisation entscheidend mitgeprägt haben: Die Entdeckung der Kugelgestalt der Erde und ihre Vermessung, die Diskussion um das geozentrische oder heliozentrische Weltbild, die Hypothese einer atomar aufgebauten Materie sind von folgenreicher Bedeutung gewesen. Dies an wenigen Beispielen aufzuzeigen ist die Absicht des angekündigten Vortrages.

Die Biologie des Alterns und Sterbens: Wird es je einen Jungbrunnen geben?

Prof. Dr. Jürg Kohli
Dienstag, 29. November 2011, 16.15, ExWi

Im Laufe des 20. Jahrhundert ist die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in vielen Ländern stark angestiegen. Parallel dazu beanspruchen Alterskrankheiten immer mehr Aufmerksamkeit. Dadurch wurde neben der medizinischen Forschung auch die allgemeine biologische Grundlagenforschung zum Altern und zu damit verbundenen Fragen stimuliert.
Nach einem einführenden Ueberblick zu den Entwicklungen in der menschlichen Bevölkerung werden die grundsätzlichen Fragestellungen und Forschungsansätze umrissen. Dann werden Resultate der letzten Jahre zur Forschung an Modellorganismen (Hefe, Fadenwurm, Fruchtfliege, Maus) vorgestellt. Bahnbrechende Einblicke wurden gewonnen zu den molekularen Ursachen des Alterns und zu den Mechanismen, welche das Altern fördern oder verzögern. Durch genetische Manipulation und spezifische Umwelteinflüsse wurden zum Teil spektakuläre Verlängerungen der Lebensdauer bei guter Erhaltung der Gesundheit von Modellorganismen erzielt.
Zur Ueberraschung aller Beteiligten wurden grosse Aehnlichkeiten dieser Vorgänge über alle Lebewesen weg von den Einzellern (Hefe), über einfache Vielzeller (Fadenwurm), bis hin zu den Säugetieren und dem Menschen entdeckt. Die Grundmechanismen zur Bestimmung der Lebensdauer, und damit viele der dafür zuständigen Gene, haben sich offensichtlich sehr früh in der Evolution entwickelt.
Die detaillierte Erforschung der molekularen Mechanismen zu Entwicklung, Altern und Sterben der Menschen hat noch lange Wege zu gehen, wird aber nun in ihren Ansätzen stark gefördert durch die an Modellorganismen gewonnenen Resultate. Es ergaben sich auch schnell neue Ansätze zur Entwicklung von Medikamenten gegen das Altern und gegen Alterskrankheiten. Die Biotech- und pharmazeutische Industrie investiert und erste klinische Tests sind im Gang.
In der abschliessenden Diskussion werden Argumente vorgestellt, wonach man auch nach den neusten Erkenntnissen nicht an ein Erzielen der Unsterblichkeit denken kann. Aber ein „Jungbrunnen“ im Sinn der Lebensverlängerung bei anhaltender guter Gesundheit dank spezifischer Verhaltensweisen und gezielter medizinischer Interventionen könnte realisierbar werden in den kommenden Jahrzehnten.

Zerebraler Schlaganfall – auch Kinder können davon betroffen sein!

Frau Prof. Dr. med. Maja Steinlin
Freitag, 25. November 2011, 14.15, Hauptgebäude

Die Möglichkeit sowie die Symptome eines Schlaganfalls bei Erwachsenen, vor allem auch mit zunehmendem Alter, sind in der Bevölkerung durch Öffentlichkeitsarbeit gut bekannt, , was zur raschen Diagnose führt.. Anders ist es bei Kindern: Sowohl Eltern als auch medizinische Fachleute sind sich immer noch zu wenig bewusst, dass 3-5:100‘000 Kinder / Jahr einen Schlaganfall erleiden. Etwa die Hälfte dieser Kinder zeigt einen „hämorrhagischen“ Schlaganfall, eine Hirnblutung, welche meist mit schweren akuten Symptomen auftritt, und somit auch rasch diagnostiziert und behandelt wird. Anders ist es jedoch bei Kindern, welche einen (häufig weniger dramatischen) ischämischen Schlaganfall, also eine Durchblutungsstörung des Gehirns erleiden. Auch dieser Schlaganfall kann in jedem Alter auftreten, hat jedoch eine Häufung im Kleinkindesalter. Diagnostik und Therapie sind hir aber meist sehr verzögert, da die Symptome in diesem Alter oft verkannt werden. Die Ursachen des kindlichen ischämischen Schlaganfalles sind deutlich zu unterscheiden von denen im Erwachsenenalter: als Hauptrisikofaktor gelten Infektionserkrankungen wie Windpocken, Infekte der Luftwege. Dabei kann es unter andrem zu einer fokalen entzündlichen Veränderung der Gefässe kommen, wodurch es zu Verengungen, Blutkoagelbildung oder auch Verletzung der Gefässe mit nachfolgender Minderdurchblutung des entsprechenden Hirnareals kommen kann. Weiter sind Kinder, welche ein Herzleiden haben – meist angeborene Herzmissbildungen - gefährdet. Vor allem im Teenageralter finden wir dann auch Kinder mit entzündlichen. autoimmunen Systemleiden oder onkologischen Problemen.
Studien bei Kindern bezüglich der besten Therapiemöglichkeiten fehlen weitgehend, sodass wir uns an die Therapieregeln im Erwachsenenalter halten: Schnelle Diagnose kann in einigen Fällen eine Thrombolyse ermöglichen. In der Schweiz werden die meisten Kinder nach dem Thrombolysefenster mit Acetylsalicylsäure oder bei gewissen Indikationen auch mit Antikoagulation durch Heparin behandelt. Kommt es zur starken Schwellung des infarzierten Gewebes, so kann eine Öffnung der Schädelkalotte zur Druckentlastung helfen.
Auch bei Kindern muss nach einem Schlaganfall eine Rehabilitation erfolgen. Wir konnten zeigen, dass sowohl der Schweregrad beim Auftreten als auch die Prognose bei Kindern verglichen mit jungen Erwachsenen nicht besser sind. Zwei Drittel der Kinder zeigen langfristig neurologische Probleme, fast die Hälfte aller Kinder leidet an Problemen, welche ihr Alltagsleben deutlich erschweren. Zusätzlich ist es auch ganz wichtig zu realisieren, dass etwa 80% der Kinder nach einem Schlaganfall kognitive Probleme mit ins Leben nehmen, welche ihre Schulleistungen und die spätere Berufsausbildung deutlich erschweren. Diese treten in allen Teilbereichen auf, am häufigsten jedoch im Bereiche Aufmerksamkeit, Gedächtnis sowie visuoräumlichen Aufgaben.
Von unseren neueren Forschungsarbeiten wissen wir, dass die strukturelle Erholung vor allem in den ersten 3 Monaten nach dem Schlaganfall stattfindet. Interessanterweise können Kinder, bei denen ja physiologisch eine Lateralisierung der Funktionen in eine Hirnhälfte während der Entwicklung stattfindet, alte, allenfalls bilaterale Netzwerke der Funktion wieder reaktivieren. Wir konnten aber auch zeigen, dass die kognitiven Probleme deutlich geringer sind, wenn es dem Gehirn gelingt, die Reorganisation vorwiegend innerhalb der ursprünglich für diese Leistung vorgesehenen Hirnhälfte durchzuführen. Dabei wissen wir heute, dass es älteren Kindern besser gelingt, die Lateralisation der Funktion aufrecht zu erhalten – wahrscheinlich mit ein Faktor dafür, dass die Prognose bei Kleinkindern eher etwas schlechter ist als bei Schulkindern!
Zusammenfassend, ist es wichtig, dass das Problem des Schlaganfalles im Kindesalter nicht nur bei Fachpersonen, sondern bei der gesamten Bevölkerung bekannt werden. Nur so können wir die Diagnose rasch stellen und die Kinder frühzeitig einer Therapie und anschliessend der notwendigen Rehabilitation zuführen!

Es müssen nicht immer Antibiotika sein – mit Strategie zu gesunder Milch

Marc Kirchhofer, Dr. med. vet.
Dienstag, 22. November 2011, 16.15, ExWi

Zur Sicherung der Qualität des Lebensmittels Milch wird die Ablieferungsmilch der Milchproduktionsbetriebe regelmässig auf ihre Qualität überprüft. Diese Resultate sind nicht nur für die Milchkäufer von grossem Interesse. Sie können auch für die Beurteilung der Gesundheit von ganzen Kuhherden genutzt werden. Denn nur gesunde Euter können gesunde Milch geben. Zusätzlich können die von den Zuchtverbänden erhobenen Milchleistungsdaten zur kontinuierlichen Verbesserung der Zucht für die Überwachung der Eutergesundheit von einzelnen Kühen verwendet werden. Die Nutzung dieser auf den meisten Milchviehbetrieben vorhandenen Daten erlaubt in der tierärztlichen Bestandesbetreuung die Herdengesundheit kontinuierlich zu überwachen.
Durch diese Überwachung können Milchviehherden mit einem Problem der Eutergesundheit bei den Milchkühen erkannt werden. Eine systematische Aufarbeitung des Problems lässt kritische Zonen des Betriebes erkennen und Lösungsvorschläge erarbeitet werden. Häufig wird in diesen Herden mit Eutergesundheitsproblemen der Mastitiserreger Staphylokokkus aureus gefunden. Als typische Eigenschaften von diesem Bakterium gelten neben seiner schlechten Diagnostizierbarkeit sein schlechtes Ansprechen auf antibiotische Therapien. Sein Reservoir ist das infizierte Euter. So kann es sich hartnäckig in einer Herde halten und während dem Melkakt immer wieder gesunde Euter neuer Kühe infizieren. Von der Wiederkäuerklinik der Vetsuisse Fakultät der Universität Bern wurde ein Sanierungsprogramm entworfen, mit dessen Hilfe solche Problembetriebe systematisch angegangen und mit minimalem Einsatz von Antibiotika saniert werden können. Eine Studie in der Praxis hat gezeigt, dass die konsequente Anwendung dieses Programms die Eutergesundheit betroffener Herden derjenigen von Milchviehherden angleicht, die kontinuierlich tierärztlich betreut werden. -- Für die Zukunft wird an einer verbesserten Diagnostik gearbeitet, um dieses Bakterium bei den Routineuntersuchungen zur Kontrolle der Milchqualität frühzeitig erkennen zu können. Das Ziel ist es, eine Infizierte Milchkuherde zu erkennen bevor sich S. aureus in der Herde einnisten und grossen Schaden anrichten kann.

Die Behandlungsmöglichkeiten des wurzelbehandelten Zahnes: Vom „Stiftzahn“ zur computergefrästen Keramikfüllung

Dr. med. dent. Brigitte Zimmerli
Freitag, 18. November 2011, 14.15, Hauptgebäude

Der Vortrag zeigt am Beispiel der Versorgung des wurzelbehandelten Zahnes auf, wie sich die Zahnmedizin langsam von der mechanistisch begründeten Therapieform zu einer Imitation der Natur, der sogenannt biomimetischen Therapieform entwickelt hat.
Während früher bei wurzelbehandelten Zähnen Stifte oder Schrauben zur Befestigung der Krone oder Aufbaufüllung verwendet wurden, versucht man heute, wo immer möglich ohne Stifte zu arbeiten oder zumindest metallfreie Werkstoffe zu verwenden.
Die Weiterentwicklung der Klebetechnik auf der Zahnhartsubstanz ermöglicht es heute, dass auch stark zerstörte Zähne oftmals ohne Stifte versorgt werden können. Moderne, computerunterstützte Techniken erlauben es, Keramikfüllungen ohne die Hilfe des Zahntechnikers herzustellen. Dabei kann der Zahnarzt über ein digitales Foto des Zahnes am Computer die Füllung selber konstruieren und über eine Fräsmaschine wird eine Krone innerhalb von etwa 20 Minuten herausgeschliffen. Das Werkstück kann bei Belieben mit Malfarben bearbeitet werden oder auch direkt poliert und beim Patienten eingesetzt werden.
Der Vortrag zeigt die Entwicklung der Versorgung von wurzelkanalbehandelten Zähnen auf und diskutiert Möglichkeiten und Grenzen dieser modernen Behandlungsmethoden. Dabei kommt ein Blick in den Patientenmund aber auch ins Forschungslabor nicht zu kurz.

Wirtschaftskriminalität, Prävention und gerichtliche Beurteilung im Kanton Bern

Thomas Maurer, Prof. Dr. jur.
Dienstag, 15. November 2011, 16.15, ExWi

Die Wirtschaftskriminalität ist zumindest für den Kanton Bern eine relativ neue Erscheinung und vor rund 40 Jahren standen kaum Möglichkeiten zur Untersuchung und Beurteilung zur Verfügung. Dies hat sich zum Glück heute geändert. Nur im Kanton Bern stehen 8 spezialisierte Staatsanwälte mit ihrem Stab zur Untersuchung und für die Anklage in diesem Fällen bereit und die Beurteilung wird erstinstanzlich durch ein kantonales spezialisiertes Wirtschaftsstrafgericht vorgenommen. Auch der Bund und zum Teil auch die anderen Kantone haben in diesem Bereich ganz massiv aufgerüstet. Der Referent stand als ausserordentlicher Untersuchungsrichter, Staatsanwalt, erster Präsident des Wirtschaftsstrafgerichts und als Präsident des bernischen Kassationshofes während beinahe 40 Jahren bei der Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität in vorderster Front und hat die Entwicklung mitverfolgt und zum Teil mitgestaltet. Anhand verschiedener praktischer Fälle zeigt er die Schwierigkeit der Untersuchung und Beurteilung solcher Straffälle auf. In einem zweiten Teil wird auf die neusten Entwicklungen und Erscheinungsformen auf diesem Gebiet hingewiesen und auf die Möglichkeiten, wie sich der Einzelne gegen diese kriminellen Handlungen schützen kann.

Perspektiven der schweizerischen Energiepolitik

Eduard Kiener, dipl. ing. ETH, Dr. rer.pol., ehem. Direktor des Bundesamtes für Energie
Freitag, 11. November 2011, 14.15, Hauptgebäude

Sinkende konventionelle Energiereserven und zu befürchtende weitere Klimaänderungen verlangen einen grundlegenden Umbau der Energieversorgung. Die Katastrophe im Kernkraftwerk Fukushima hat der Energiepolitik zusätzlichen Schub verliehen. Die Energie muss wesentlich effizienter genutzt und langfristig voll aus erneuerbaren Energiequellen beschafft werden. Dies ist grundsätzlich möglich und unausweichlich. Die technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen sind dabei gewaltig; grosse Investitionen nicht nur zur Bereitstellung, sondern auch zur sparsamen Nutzung der Energie sind mehrere Generationen beanspruchende Aufgaben.
Zusätzlich an Brisanz gewinnt die Energieproblematik durch den beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie. Damit rückt die Stromversorgung noch mehr ins politische Zentrum. Tendenziell steigt der Stromverbrauch weiter, die Stromerzeugung sinkt durch die absehbare sukzessive Stilllegung der Kernkraftwerke und wegfallende Bezugsrechte aus französischen Kernkraftwerken. Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen muss massiv ausgebaut werden. Dazu sind die vorhandenen Potenziale von Wasserkraft, Wind, Fotovoltaik und Biomasse voll zu nutzen. Ein grosser Teil dieser zusätzlichen Stromerzeugung fällt fluktuierend an, was neue Anforderungen an die Netzregelung bringt und den Ausbau der Pumpspeicherung und der Kapazität der Speicherseen erfordert. Auch das Netz muss verstärkt und den neuen Anforderungen angepasst werden. Diese Konsequenzen für die Strominfrastruktur werden aufgezeigt, ebenso die ökonomischen und ökologischen Auswirkungen.

Einsteins Annus mirabilis 1905 in Bern

Prof. Dr. Jürg Schacher
Dienstag, 8. November 2011, 16.15, ExWi

Im Jahre 1905 verfasste Einstein sechs grundlegende Arbeiten aus drei verschiedenen Gebieten. Die Themenbereiche betreffen erstens den Dualismus Wellen-Teilchen, damit die Quantentheorie, zweitens die Wärmelehre oder Thermodynamik und drittens die relativistische Mechanik, Relativitätstheorie genannt. Anhand ausgewählter Beispiele und Experimente sollen Einsteins fundamentale Erkenntnisse der modernen Physik dem interessierten Publikum näher gebracht werden.

Entwicklungspsychologie des Jugendalters Biologische Grundlagen, sozial-kulturelle Bedingungen, subjektive Interpretationen

August Flammer, emeritierter Prof. für Entwicklungspsychologie
Freitag, 4. November 2011, 14.15, Hauptgebäude

Zu allen Zeiten hatten Erwachsene Mühe, ihre Jugend zu verstehen. Jugendliche bauen ihre eigene Welt auf und verteidigen sie. Auf diese Weise tragen sie zur permanenten Erneuerung der Gesellschaft bei. Jugendliche haben aber oft auch Mühe, sich selbst zu verstehen: So viel Neues passiert in ihnen und mit ihnen.
Dieser Vortrag nennt und bespricht Forschungsergebnisse zu den Veränderungen, mit denen die Jugendlichen und ihre Umgebung umgehen müssen, und die sie – als Reaktion darauf – oft selber produzieren. Angesprochen werden biologische Veränderungen, die kognitive Entwicklung (Intelligenz), die Veränderungen in den sozialen Beziehungen (Familie, Gleichaltrige), das Selbstverständnis (Identität) und ausgewählte Problemverhaltensweisen (Gewalt, Essprobleme).

Politische Proteste und ihre Wirkungen

Frau Dr. Michelle Beyeler
Dienstag, 1. November 2011, 16.15, ExWi

Proteste sind in diesem Jahr allgegenwärtig: die Revolutionen im arabischen Raum, die Anti-AKW-Proteste, die weltweiten Kundgebungen gegen die Banken am 15. Oktober, und viele mehr. Warum kommt es zu solchen Protesten und was können sie bewirken?
Protestbewegungen bestehen aus Individuen und Gruppen, welche ein gemeinsames Ziel erreichen wollen und sich dazu öffentlichkeitswirksamer Protestaktionen bedienen. Ob jemand an Protesten teilnimmt, hängt vom erwarteten Erfolg einerseits und von den erwarteten Risiken andererseits ab. Je nach Kontext und Anliegen gibt es grosse Unterschiede. Beispielsweise sieht sich die Teilnehmerin an einer Kundgebung in Syrien mit ganz anderen Bedrohungen konfrontiert als ein Besetzer der Wall-Street in New York.
Proteste können Politik selten direkt beeinflussen. Gelingt es, eine öffentliche Debatte auszulösen und deren Verlauf gar zu beeinflussen, kann dies aber durchaus auch als Erfolg bezeichnet werden. Anhand von Resultaten einer Studie zu den globalisierungskritischen Protesten gegen das Weltwirtschaftsforum (WEF) und gegen die Welthandelsorganisation (WTO) wird im Vortrag illustriert, welche Wirkungen auf diese Weise erzielt werden konnten.

Missachtung der wissenschaftlichen Integrität:
Fehlverhalten und Betrug in der Forschung

Prof. Dr. med. emerit. Emilio Bossi
Freitag, 28. Oktober 2011, 14.15, Hauptgebäude

Die Vorlesung gibt eine Übersicht über die Thematik der wissenschaftlichen Integrität und des wissenschaftlichen Fehlverhaltens.
Grundsätze wissenschaftlicher Integrität werden erwähnt, auf die Regeln für eine verantwortungsvolle Forschung („Good scientific practices“) wird hingewiesen. Einige Fallbeispiele sollen in die Problematik des Fehlverhaltens einführen. Weithin akzeptierte Definitionen wissenschaftlichen Fehlverhaltens werden vorgestellt, sowie die approximative Häufigkeit seines Vorkommens. Es wird besprochen, auf welchen Wegen ein Verdacht auf Fehlverhalten entstehen kann, die Rolle des „Whistleblowers“ (der Person, welche den Verdacht äussert oder eine Anzeige erstattet) wird speziell hervorgehoben. Die möglichen Folgen wissenschaftlichen Fehlverhaltens werden aufgezeigt.
Wesentlich sind Vorbeugungsmassnahmen. Diese leiten sich von den inneren (Persönlichkeits-bedingten) und von den äusseren Ursachen und Risikofaktoren des Fehlverhaltens ab. Das von den Akademien der Wissenschaften Schweiz vorgelegte Modell einer Integritätsschutz-Organisation innerhalb der Forschungsinstitutionen und das von den Akademien vorgeschlagene Procedere im Falle eines Verdachtes werden erläutert.

Wie Viehzüchter die Genetik nutzen

Dr. Fritz Schmitz-Hsu
Dienstag, 25. Oktober 2011, 16.15, ExWi

Das Rind ist ein enger Weggefährte des Menschen seit rund 10'000 Jahren. Durch Selektion hat der Mensch die Eigenschaften des Hausrindes verändert. Bedeutende Zuchtfortschritte wurden aber erst in den letzten knapp 100 Jahren - nach dem Vorliegen der Kenntnisse über die genetischen Grundlagen und der Entwicklung von Datenerfassungs- und auswertungsverfahren - erzielt. Neue, kostengünstige Laboranalysen erlauben heute den Blick ins Erbgut zu erstaunlich tiefen Kosten. Im Vortrag wird insbesondere die genomische Selektion als neue Möglichkeit zur dauerhaften Verbesserung von Eigenschaften beim Tier vorgestellt. Es wird aber auch auf das Spannungsfeld, in welchem sich Viehzüchter befinden, eingegangen.

Roboter und andere Helfer für die Rehabilitation und die Pflege

Prof. Dr. Tobias Nef
Freitag, 21. Oktober 2011, 14.15, Hauptgebäude

(s. auch Sonderveranstaltung am 20. 11.)

Zahlreiche Patienten erleiden infolge einer neurologischen Erkrankung, wie zum Beispiel Schlaganfall, eine Funktionsbeeinträchtigung der oberen Extremitäten und sind auf Bewegungstherapie angewiesen. Diese Therapie wird von Physio-und Ergotherapeuten durchgeführt. Während in der Vergangenheit weitgehend manuell therapiert wurde, setzen Therapeutinnen und Therapeuten heute vermehrt Roboter und andere technische Hilfsmittel ein. Solche Rehabilitationsroboter, wie zum Beispiel der ARMin Roboter, können nicht nur die Therapeuten entlasten, sondern vor allem durch langes und intensives Training den Therapieerfolg für die Patienten erhöhen. Auch können neuartige Therapie- und Bewegungsarten realisiert werden. So kann zum Beispiel durch den Einsatz audiovisueller Displays die Therapie spielerisch gestaltetet werden, was die Patienten zusätzlich motiviert.
In diesem Vortrag werden technische, klinische und wissenschaftliche Aspekte von Entwicklung, klinischem Einsatz und Evaluierung von Therapierobotern besprochen. Dies reicht von der ingenieurstechnischen Ideenfindung mit Konstruktionszeichnung bis hin zu klinischen Fallbeispielen mit Schlaganfallpatienten. Der Vortrag schliesst mit einem Ausblick auf aktuelle Forschungsprojekte aus dem Pflegebereich.

Zur Aktualität von Albert Schweitzers «Ehrfurcht vor dem Leben»

Prof. Dr. Beat Sitter-Liver
Dienstag, 18. Oktober 2011, 16.15 ExWi

Albert Schweizers Konzept der Ehrfurcht vor dem Leben wird zumeist als Prinzip angesprochen, dann auch als solches kritisiert. Doch richtig verstanden, zeigt es sich als Grundhaltung, aus der sich Erkenntnis und moralische Prinzipien erst gewinnen lassen. Aus einer Grundhaltung, der nur Menschen fähig sind. Sie eröffnet ihnen den Weg, die«Zerrissenheit» von Welt und Natur - so Schweitzer - zwar nicht aufzuheben, doch immer neu für sich zu bewältigen, über Selbstvervollkommnung sowie über Zuwendung und Hingabe an andere, Menschen und nichtmenschliche Wesen. Menschen vermögen, das ist ihre Freiheit und Würde, «aus der Unwissenheit herauszutreten, in der die übrige Kreatur schmachtet» (1988, 33 f.). Die Ehrfurcht führt zur Einsicht in das «Grundprinzip des Sittlichen»: «Gut ist, Leben erhalten und fördern; schlecht ist, Leben hemmen und zerstören» (1988, 32; GW Bd. 2, 378). Mit der Ehrfurcht verbindet sich die Erfahrung der inneren Werthaftigkeit aller Erscheinungen des Seins, zu denen auch die Menschen zählen, im Endeffekt die Ehrfurcht vor allem, womit wir in dieser einen Welt existieren. - Nachweisen lässt sich, dass Schweitzers weit gezogener Ethikentwurf über die Bioethik hinaus reicht, in eine Naturethik, die nichtlebendes wie lebendes Seiendes einschliesst. So ist auch «die Vernunft ein in die Tiefe der Dinge gehender und die Gesamtheit der Dinge umfassender [...] Verstand» (Strassburger Predigten, 1966, 119).
Der Begriff des Lebens wird so konsequent universalisiert, dass er mit dem Sein selbst in eins gesetzt werden muss. Ehrfurcht bezieht sich dann auf alles Seiende. Schweitzers Ethik-Programm lässt sich zu einer umfassenden Ethik der Natur ausgestalten. In ihr scheint zunächst die originäre Unverfügbarkeit alles dessen, was uns begegnet, auf. Aus ihr können zuerst Achtung und Ehrfurcht entspringen, eine Grundhaltung eben, nicht schon ein Prinzip für das Handeln. Vier Faktoren sprechen für jene Ausgestaltung: ein methodologischer Faktor; die Zuwendung zu jedem begegnenden Wesen selbst und in seiner Unverfügbarkeit als «Quelle der Moral»; der integrative Charakter von Schweitzers Ethik; die Bewährung der Menschenwürde durch die Praxis der Humanität.
Was immer in der Natur da ist, existiert in einem Netz von Beziehungen. Jede Beeinträchtigung seines Netzes stört seine Identität. Der Gleichbehandlungsgrundsatz nötigt uns, nicht ungerechtfertigt in Identität stiftende Wechselbeziehungen einzugreifen. Dieser Gedanke widersetzt sich einer grundsätzlichen Trennung von Mensch und Natur. Bei Schweitzer findet sie diese Trennung deshalb nie in fundamentaler Form. Sein Konzept der Ehrfurcht entspricht heute bei uns der Idee der Würde der Kreatur, in der Praxis unserer Anerkennung des Eigenwertes von allem, was «in unseren Bereich» (Schweitzer) tritt, gerade in seiner grundsätzlichen Unverfügbarkeit. Bei Schweitzer entbindet uns die «Zerrissenheit der Welt» nicht von unserer «ins Grenzenlose erweiterte[n] Verantwortung» (1996, 332) gegenüber allem, «was in unseren Bereich» tritt. Genau so wenig werden wir von dieser Verantwortung erlöst, weil wir immer wieder anderes Seiendes vernutzen, beeinträchtigen, töten müssen. Wenn wir uns nur, wozu Schweitzer uns einlädt, wo immer möglich durch das Ideal der Humanität leiten lassen!
Kurz: Die Rede von der Ehrfurcht vor allem Leben, erweitert durch das Konzept der Würde in der Natur, ist mehr als bloss abstrakter Ausgang für die Deduktion moralisch richtigen Handelns. Sie fungiert als Kompass für das Auffinden des jeweils moralisch Angemessenen und Richtigen; sie vergegenwärtigt uns unsere Fähigkeit zu ethisch reflektiertem, auf alles, was in dieser Welt «in unseren Bereich» tritt, Rücksicht nehmendem Handeln; sie erinnert uns an unser existentiales Verantwortlich-Sein, und sie vergewissert uns unserer besonderen Würde, die uns zwar geschenkt ist, als Auszeichnung jedoch nur dann Bestand hat, wenn wir sie immer wieder neu bewähren.

Herzchirurgie am Inselspital

Prof. Dr. T. Carrel
Freitag, 14. Oktober 2011, 14.15, Hauptgebäude

Der Vortrag stellt das Gebiet der Herzchirurgie vor und die vielfältigen Aufgaben des akademischen Chirurgen in leitender Position. Ausgehend von den Entwicklungen der Herzchirurgie in den 1950er Jahren, werden einzelne aktuelle Operationstechniken (keine Operationsbilder) und die wichtige Rolle der medizinschen Technologie vorgestellt. Die Forschung und die Nachwuchsförderung spielen gerade im universitären Bereich eine grosse Rolle für die Zukunft des Faches. Dabei werden nicht medizinische Aufgaben (Führung, Lehre und Management) kurz vorgestellt. Abschliessend wird das Hilfsprojekt der Klinik für Herz- und Gefässchirurgie des Inselspitals in der Uralregion in Russland vorgestellt.

Zwischen Diaspora und neuer Religiosität: Hindu-Religionen in der Schweiz und in Europa

Prof. Dr. Frank Neubert
Dienstag, 11. Oktober 2011, 16.15, ExWi

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts leben in Europa – zunächst v.a. in Grossbritannien – Angehörige von Hindu-Religionen. Seitdem haben sich Hindus in ganz Europa angesiedelt, und ihre Zahl ist im 20. Jahrhundert erheblich gestiegen. Handelt es sich bei den meisten Hindus um Arbeitsmigranten und ihre Familien, so sind seit den 1980er Jahren auch Bürgerkriegsflüchtlinge aus Sri Lanka hinzugekommen. Sie bilden die Mehrheit der Hindus in der Schweiz. Eine kleine aber bedeutende Gruppe bilden ausserdem konvertierte europäische Anhänger hinduistischer Religionen.
Was kennzeichnet die Hindus in Europa und in der Schweiz? Welche Verbindungen halten sie nach Indien – ins Herkunftsland ihrer Traditionen – und untereinander? Wer sind sie? Wie leben sie? Welche Entwicklungen sind zu erwarten? Der Vortrag möchte einen möglichst lebendigen Überblick über die Geschichte, neuere Entwicklungen, gegenwärtige Bedeutung und Vielfalt von Hindu-Traditionen in Europa geben.

Unruhige Beine, eine häufige Ursache von schwerwiegenden Schlafstörungen bei älteren Menschen

Prof. Dr. med. Johannes Mathis
Freitag, 7. Oktober 2011, 14.15, Hauptgebäude

Bis zu 4% der Frauen und 2% der Männer beklagen sich mehrmals pro Woche über unruhige Beine, welche sie zwingt aufzustehen und umherzulaufen. Diese, als Restless-Legs-Syndrom umschriebene Beschwerden, führen zu Schwierigkeiten beim Einschlafen und sekundär zu Müdigkeit oder Schläfrigkeit am Tag. Die dauernde Unruhe welche diese Patienten befällt, sobald sie absitzen oder abliegen, verunmöglicht ihnen ein ruhiges Nachtessen bei Bekannten, den Besuch im Theater und zwingt sie bei längeren Zug- oder Flugreisen zu umfangreichen Vorkehrungen. Oft wird die Diagnose erst nach vielen Jahren gestellt und die jahrelangen Torturen gebündelt mit der diagnostischen Unsicherheit, führt in die Depression und zu grossen Spannungen in der Partnerschaft oder in der Familie. Wird die Diagnose gestellt, ist zum Glück eine medikamentöse Behandlung in den meisten Fällen möglich. Der Arzt wird zunächst abklären, ob die Beschwerden durch eine Zweitkrankheit ausgelöst wurden, oder ob es sich um ein primäres Restless-Legs-Syndrom handelt. Es ist dabei auch die Kunst des Arztes, ähnlich sich präsentierende Störungen abzugrenzen und die Behandlung über viele Jahre geduldig zu überwachen.

"Die Geburt der modernen Religion" Zur Entstehung von „Bekenntnisreligion“ im Alten Testament und ihrer Bedeutung für Judentum, Christentum und Islam

Prof. Dr. Andreas Wagner
Dienstag, 4. Oktober 2011, 16.15, ExWi

Die alttestamentliche Forschung hat in letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht bei der Einsicht in die Entwicklung der monotheistischen Gottesvorstellung. Israel war nicht von Anfang an geprägt von dem einen Gott Jahwe. Aber zunehmend hat sich dieser eine Gott in den Vordergrund geschoben, bis zur Vorstellung, dass es ausser ihm keinen Gott gibt, wie es im Buch Jesaja formuliert ist. Doch entwickelt sich die Religion Israels auch in anderer Hinsicht, weg von einer kultisch-lokalen Ausrichtung hin zu einer universalen, ethnisch nicht mehr eingeschränkten Religion; am Ende dieser Entwicklung wird die Zugehörgikeit zur Religionsgemeinschaft durch ein Bekenntnis zu Gott gestiftet. In diesem Punkt knüpfen Judentum, Christentum und Islam an das Alte Testament an. Dieser Prozess soll im Vortrag vorgestellt und anhand einer Analyse von Ps 91 (und Seitenblicken auf andere Texte) erläutert werden.

Die Entwicklung des Universum vom Urknall bis heute

Prof. Dr. Uwe-Jens Wiese
Freitag, 30. September 2011, 14.15, Hauptgebäude

Seit dem Urknall vor etwa 13.8 Milliarden Jahren dehnt sich das Universum beständig aus und kühlt sich dabei ab. Unmittelbar nach dem Urknall war das Universum von einem sehr heissen Gas aus Elementarteilchen erfüllt. Bereits etwa eine Sekunde nach dem Urknall haben sind Materie und Antimaterie fast vollständig ausgelöscht. Dabei entstand die kosmische Hintergrundstrahlung, die noch heute das Universum erfüllt. Der winzige Rest von Materie, der nicht durch Zerstrahlung mit Antimaterie ausgelöscht wurde, bildet heute Planeten, Sterne und Galaxien. Darüber hinaus muss es aber auch noch so genannte dunkle Materie geben, für die wir bisher nur indirekte Hinweise besitzen, nach der aber zur Zeit am Large Hadron Collider (LHC) am CERN bei Genf intensiv gesucht wird. Genaüste Beobachtungen der Hintergrundstrahlung haben vor etwa 10 Jahren zu der revolutionären Erkenntnis geführt, dass die Expansion des Universum nicht durch Gravitationsanziehung gebremst wird, sondern sich sogar beschleunigt. Dies wird auf so genannte Vakuumenergie zurückgeführt. Die Zusammensetzung des Universums aus gewöhnlicher und dunkler Materie sowie aus Vakuumenergie hat die Entwicklung des Universums vom Urknall bis heute geprägt,und wird diese auch in der Zukunft bestimmen. Das menschliche Gehirn ist das Kompexeste, das das Universum in 13.8 Milliarden Jahren hervorgebracht hat. Es ermöglicht uns nicht nur tiefes Staunen sondern auch kreatives Nachdenken über den gegenwärtigen Zustand der Welt.

Max Frisch: Das eigene Altern und das Altern des Anderen

Prof. Dr. Peter Rusterholz
Dienstag, 27. September 2011, 16.15, ExWi
           

            Ohne das Grauen vor dem Tode,
            wie begriffen wir jemals das Dasein?
            Alles Leben wächst aus der Gefährdung.
            M.F. Blätter aus dem Brotsack (1939)
Max Frisch hat sich in den verschiedensten Lebensphasen mit Alter und Tod befasst. Liebe und Tod waren vom Anfang bis zum Ende seines Lebens zentrale Motive seines Schreibens. Schon seine Jugendwerke – von ihm selbst verworfen, von Béatrice von Matt eben wieder gelobt – sind für das Verständnis seiner Auffassungen der Zeit und des Alters unverzichtbar. Ich werde deshalb mit den Jugendromanen beginnen, dann die Tagebücher einbeziehen, um zu zeigen, in wiefern seine Zeitauffassung die Formen seines Schreibens und seine satirische Altersdidaktik bestimmt. Der letzte Teil gilt den späten, ganz von dieser Thematik bestimmten Texten wie z. B. der einzigartigen Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän und (kurz) den umstrittenen Entwürfe(n) zu einem dritten Tagebuch.

Zeitgenössische Kunst als Zumutung oder Was die vielgeschmähte Postmoderne uns sagen könnte über die Zeit, in der wir leben.

Verena Felber Stadelmann
Freitag 23. September 2011, 14.15, Hauptgebäude

"Zur Selbstverständlichkeit wurde, dass nichts, was die Kunst betrifft, mehr selbstverständlich ist“. Diese Aussage von Theodor W. Adorno klingt einfach, ist aber sehr brisant: sie stellt fest, dass alle alten Vorstellungen davon, was Kunst über Jahrhunderte war, heute nicht mehr gelten! Marcel Duchamp und Joseph Beuys haben den Kunstbegriff grundlegend erweitert. Als „Postmoderne“ wird die Kunst unserer Gegenwart bezeichnet. Sie ist ein schillerndes, widersprüchliches, provokantes Phänomen und gleichzeitig ein sehr anschaulicher Spiegel unserer Zeit. Im Vergleich mit der Moderne sollen ausgewählte Werke dieser zeitgenössischen Kunst uns zeigen, dass sie mehr sein können als unverständliche, verunsichernde oder ärgerliche Irritationen. Oft sind sie Hinweise auf Vernachlässigtes, auf Defizite, auf blinde Flecken unserer Gesellschaft. Der Umgang mit ihnen kann uns helfen, uns in der herrschenden Unübersichtlichkeit bewusster zu orientieren.

Die Balance finden nach kritischen Lebensereignissen in der zweiten Lebenshälfte

Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello
Dienstag, 20. September 2011, 16.15, ExWi

Jeder Mensch ist im Verlauf seines Lebens einerseits mit alterstypischen Problemen konfrontiert, andererseits aber auch mit vielen unvorhergesehenen kritischen Lebensereignissen. Die Art und Weise, wie Menschen mit diesen Herausforderungen umgehen ist jedoch sehr unterschiedlich. Was sind die spezifischen Herausforderungen und kritischen Lebensereignisse der zweiten Lebenshälfte? Was ist der optimale Umgang damit? Warum gehen gewisse Menschen bei vergleichbaren Bedingungen unbeschadet durchs Leben und andere nicht?